| Religion

Alm und der ÖCV – Interview und Podiumsdiskussion

Der ÖCV (Österr. Cartellverband) hat mich für nächsten Mittwoch zu einer Podiumsdiskussion „Gott. Natur. Urknall – Zufall oder Wille?“) in Salzburg eingeladen und mich vorab einem Interview für das ÖCV-Magazin Vorort unterworfen.

Kleiner Disclaimer: Ich bin weder Grünpolitiker noch Mitglied einer Verbindung oder – G*** behüte – einer – außer natürlich in der von mir 1999 selbst gegründeten Angewandten–Burschenschaft Arial (burschenschaft.org). Außerdem bin ich wirklich überzeugt davon, dass Blasphemie nichts mit Plasma zu tun hat.

Der ÖCV (Österr. Cartellverband) hat mich für nächsten Mittwoch zu einer Podiumsdiskussion „Gott. Natur. Urknall – Zufall oder Wille?“) in Salzburg eingeladen und mich vorab einem Interview für das ÖCV-Magazin Vorort unterworfen.

Ob die Veranstaltung öffentlich zugänglich ist, weiß ich nicht. Jedenfalls diskutieren mit mir über:

Gott. Natur. Urknall – Zufall oder Wille?
am Mittwoch, 27. Oktober 2010, 18:30 s.t. (Kleine Aula der Universitätsbibliothek Salzburg)

  • Univ.Prof. Dr. Josef Tomiska, Institut für physikalische Chemie, Universität Wien
  • Univ.Prof. Dr. Roman Türk, stv. Leiter des Fachbereichs Organismische Biologie an der Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg
  • Univ.Prof. Mag. Dr. Ferdinand Reisinger CanReg, Institutsvorstand für Pastoraltheologie und Gesellschaftslehre an der Kath.-Theol. Privatuniversität Linz, Stiftsdekan von St. Florian

Das – natürlich gekürzte – Interview wurde bereits im August geführt und ich habe mir erlaubt es – inklusive aller orthografischen Ungereimtheiten – hier im Volltext wiederzugeben.

Das ist keine Kampagne gegen Gott

Atheistische Initiativen wie Niko Alms „Atheism Bus Campaign“ stoßen in katholischen Kreisen auf große Empörung, und doch ist ein fortschreitender Atheismus in Österreich Realität. Ein Gespräch des Vorortes mit Niko Alm, Grünen-Politiker und Atheismus-Aktivist, über Gott und die Welt. Das Interview führten Christoph Etzlstorfer und Gottfried Gruber.

Sie wurden auf orf.at zitiert mit „Jeder soll glauben, was er will“? Inwieweit passt das mit einer Kampagne gegen Gott zusammen?

Das ist keine Kampagne gegen Gott. Es ist eine Kampagne für Meinungsfreiheit, und das passt sehr gut zusammen. Wir haben nur ausprobiert, wie weit die öffentliche Meinung unsere Aussagen respektiert bzw. toleriert. Wir sind der Meinung, dass es keinen Gott gibt, bzw. die Agnostiker unter uns sind der Meinung, dass die Frage nicht so einfach beantwortet werden kann. Dementsprechend haben wir das einfach als Aussagesatz formuliert, der in seinem Gehalt gleichwertig ist mit der Aussage, es gibt Gott. Über das eine wird sich niemand beschweren, und das andere löst teils große Entrüstung aus.

Wollen Sie mit Ihrer Atheist-Bus-Campaign Atheisten „missionieren“?

Wir wollen weder Gläubige noch Atheisten missionieren. Wir haben mit der Buskampagne anzuzeigen versucht, dass es einen Teil der Bevölkerung gibt, der nicht gläubig ist.

Woraus schließen Sie, dass es keinen Gott gibt?

Die Beweislast liegt nicht bei mir. Das Prinzip des Existenz- beweises funktioniert nur in die eine Richtung. Es gibt keine Möglichkeit, die Nichtexistenz von etwas zu beweisen. Es gibt nur die empirische Möglichkeit, die Existenz von etwas zu beweisen. Meine Hypothese ist, es gibt keinen Gott. Wenn man ihn beweist, ist diese Hypothese falsifiziert.

Wie sind Sie Atheist geworden?

Ich war immer schon Atheist. Ich bin zwar getauft, aber ich traue mich zu behaupten, dass ich nie an Gott oder irgendetwas Übernatürliches geglaubt habe.

Haben Sie sich jemals eine Vorstellung von Gott gemacht?

Ich habe die Vorstellung übernommen, die ich vorgesetzt bekommen habe. Als Kind ist man hier sehr unsicher, und ich habe darüber lange nicht nachgedacht – bis zum Firmunterricht. Dort musste ich darüber nachdenken und bin zu dem Schluss gekommen, dass das alles sehr unwahrscheinlich ist. Wie man es an der Kampagne auch sieht, wird oft mit Wahrscheinlichkeiten hantiert. Ich halte Gott für unwahrscheinlich und glaube nicht, dass es ihn gibt. Ich habe aber kein Problem damit, wenn andere Leute so etwas glauben, solange ich dadurch nicht diskriminiert werde.

Wie erklären Sie sich die Entstehung der Welt und die Entwicklung des Lebens? Ist alles Zufall?

Ja – alles Zufall. Ich glaube, dass bis zu einem sehr frühen Zeitpunkt, und wir reden hier über einen Zeitraum von mehren Milliarden Jahren, alles sehr schlüssig erklärt wer- den kann. Selbst wenn man sich in den Bereich Urknall begibt, ist aus meiner Wahrnehmung kein Anlass zu glauben, dass eine übernatürliche Intervention stattgefunden hat.

Steht nicht auch die Naturwissenschaft bei der Frage an, warum das Universum so existiert, wie es existiert?

Das ist richtig. Die Frage, warum gibt es überhaupt etwas und warum nicht nichts. Die kann von niemandem beantwortet werden. Aber hier werte ich Religionen auch nur als Versuch einer Antwort. Nur weil dieser Erklärungsversuch schon alt ist, heißt das nicht, dass er richtig ist. Es ist mir hier aber wichtig zu betonen, dass jeder glauben soll, was er will – wir missionieren nicht.

Wie erklären Sie sich, dass viele bedeutende Naturwissenschaftler, wie etwa Albert Einstein oder ein Prof. Zeilinger, und ja, auch Galilei tief religiös waren bzw. sind?

Ich will hier nicht über einzelne Personen streiten, aber ob die alle hier religiös waren. Ich habe zumindest bei Einstein Belege für das Gegenteil. Aber egal. Die können auch glauben, was sie wollen. Das sagt jedoch nichts über die Richtigkeit des Glaubens aus, trotz deren Position in Geschichte und Wissenschaft. Es gibt auch Wissenschaftler, die nicht glauben. Glaube und Bildung verhält sich wie eine Sinusschwingung. Etwa in der Art: Ungebildete Leute glauben an nichts. Mit ein bisschen Bildung sind sie gläubig und dann wieder nicht mehr. Das wechselt und so befinden sich die Oberhummers, Zeilingers und Einsteins dieser Welt auf Wellenbergen und Tälern dazwischen, aber es gibt bei Gott (sic!) keinen linearen Zusammenhang zwischen Bildung und Glauben.

Ein Text der Bus-Kampagne lautet „There‘s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life“. Religion beunruhigt doch nicht, sie stiftet viel eher Sinn und Hoffnung für die Menschen. Muss sich nicht eher der Atheist Sorgen machen, „ob das alles einen Sinn hat“?

Das ist richtig. Ja stimmt – vor der Hand. Aber Sorgenmachen muss nichts Schlechtes sein. Es ging bei dieser Aussage mehr um Schuld, Erbsünde und moralische Kategorien, die aus Religionen kommen. Ethik verhält sich anders als Moral.

Gibt es für Sie eine von der Zeit unabhängige Wahrheit?

Nein. Ethik ist etwas Relatives und im Wandel der Zeit zu sehen. Das heißt nicht, dass es nicht auch Konstanten gäbe. Das Tötungsverbot hat ethisch natürlich langen Bestand. Es gibt vielleicht auch mehr, aber nichts, was man auflisten kann. Auch das Gebot „Du sollst nicht töten“ ist geschichtlich gesehen nur auf die eigene Gruppe zu sehen.

Die verbrecherischsten Regime der Neuzeit waren ja von atheistischen Ideologien (Hitler, Stalin, Mao etc.) geleitet. Ist Religion nicht doch auch gesellschaftlich etwas Gutes?

Diese Regime waren keine atheistischen, sondern religiöse Regime. Politreligionen, die an Stelle des Gottes den Führer einsetzen. Diese Regime haben sich nicht aus einer atheistischen Sichtweise entwickelt, sondern um eine absolute Wahrheit, die mit absoluter Gewalt durchgesetzt wird. Das hat mit Atheismus nichts zu tun. Es liegt mir und unseren Unterstützern nichts ferner, als kommunistische Regime bzw. Rechts-Außen-Gruppierungen zu unterstützen.

Sie beschreiben als ein Ziel der Kampagne die Diskriminierung von Atheisten zu bekämpfen. Wo werden Atheisten Ihrer Meinung nach in Österreich benachteiligt?

Durch die Privilegierung der 14 gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften werden Atheisten benachteiligt.

Von welchen Privilegien sprechen Sie hier?

Etwa der besondere Schutz durch den Plasphemieparagraphen (Anm. Alm: Tippfehler in der Transkription durch den ÖCV. Im Sinne des Plasmas beibehalten.), Herausgabe von Meldedaten oder die Absetzbarkeit von Kirchenbeiträgen bis 200 Euro. Das bezahlt die Allgemeinheit für einen Gläubigen. Gläubige haben Anspruch auf Religionsunterricht ab einer gewissen Anzahl von Schülern. Für konfessionsfreie oder Minderheiten gibt es das nicht. Dagegen richtet sich auch der zweite Teil der Kampagne.

Ist das ein Plädoyer für den Ethikunterricht?

Das ist in gewisser Weise ein Plädoyer für einen Ethik- und Religionenunterricht, denn hier gibt es viele Missverständnisse. Wir wollen, dass Religion unterrichtet wird als überkonfessioneller wissenschaftlicher Religionsunterricht. Also keine Erziehung im Glauben – die kann zu Hause stattfinden. Nehmen wir analog politische Bildung. Niemand von uns würde gerne ein parteipolitisch gefärbtes Bildungsprogramm im Unterreicht sehen und wir hängen dazu auch nicht das eine oder andere politische Symbol in der Schule auf. Man sollte für alle Kinder hier das gleiche Bildungsprogramm anbieten ohne gleichmacherisch zu sein. Ich war auch zwölf Jahre lang im Religionsunterricht, und mir würde im Sinne der eigenen Bildung einiges fehlen, auch wenn nur wenige Inhalte behandelt wurden.

Ein komplettes PDF zur aktuellen Ausgabe von Vorort gibt es hier.
Einen Auszug (PDF) mit dem Interview mit mir hier.