| Laizität, Religion

Beschneidungsverbot: Die Religionsfreiheit darf nicht beschnitten werden

Das deutsche Urteil zur Beschneidung, das einem de facto Beschneidungsverbot von Religionsunmündigen gleichkommt, darf mit dem Prädikat “richtungsweisend” belegt werden. Die Religionsfreiheit wird hier nicht beschnitten, sondern auf jene ausgeweitet und zur Anwendung gebracht, die sich (noch) nicht wehren können. Diesem Urteil werden weitere folgen, die mit nicht rechtzufertigenden Sonderrechten für Religion aufräumen. Religionsfreiheit darf […]

Das deutsche Urteil zur Beschneidung, das einem de facto Beschneidungsverbot von Religionsunmündigen gleichkommt, darf mit dem Prädikat “richtungsweisend” belegt werden. Die Religionsfreiheit wird hier nicht beschnitten, sondern auf jene ausgeweitet und zur Anwendung gebracht, die sich (noch) nicht wehren können.

Diesem Urteil werden weitere folgen, die mit nicht rechtzufertigenden Sonderrechten für Religion aufräumen. Religionsfreiheit darf nicht dazu missbraucht werden, geltendes Recht zu umgehen.

Im konkreten Fall gibt es keine rationalen Argumente, warum die Religionsausübung der Eltern, die erzwungene Teilnahme von Babys an einem religiösen Ritual inklusive Körperverletzung ein höheres Gut sein soll als Religionsfreiheit der Eltern. Denn auch im Rahmen der freien Religionsausübung war die Beschneidung auch in Österreich ohnehin niemals legal. Der Blick ins Staatsgrundgesetz führt zu einer eindeutigen juristischen Beurteilung:

„Niemand kann zu einer kirchlichen Handlung oder zur Theilnahme an einer kirchlichen Feierlichkeit gezwungen werden, in sofern er nicht der nach dem Gesetze hiezu berechtigten Gewalt eines Anderen untersteht. (Artikel 14, Staatsgrundgesetz).

Ein Beschnittenwerden als „kirchliche Handlung“ zu definieren ist logisch nicht möglich, auch wenn der Beschnittene der Gewalt eines anderen untersteht. Das Behandeltwerden findet also im Rahmen der Religionsfreiheit keine gesetzliche Deckung. Es ist illegal. Es war immer illegal. Es steht im Widerspruch zu Grund- und Menschenrechten.

Dass Männer durch diesen Eingriff  ihr Leben lang körperlich gezeichnet sind, wird darüberhinaus gar nicht thematisiert. Die Möglichkeit, dass dem unfreiwilligen Religionseintritt ein frei gewählter Austritt folgt, weil Mann einfach nie geglaubt hat oder ein Jude oder Muslim gar ungläubig wird, scheint auch aufgeklärten Europäern denkunmöglich. Dass die Vorhaut nicht nachwächst, ist da aber noch das geringere Übel im Vergleich zu der Sanktion, die den Murtadd, den Abtrünnigen im Islam in einigen Ländern islamrechtlich erwartet: nämlich die Todesstrafe.

Und die Beschneidung ist natürlich nur eines von vielen juristisch und ethisch problematischen religiösen Ritualen. So darf beispielsweise auch das Verbot des betäubungslosen Schächtens von Tieren natürlich nicht auf Grund der gesetzlichen Anerkennung einer Religionsgesellschaft zu einer exklusiven Sonderbehandlung führen. So wie jedes andere legistische Zugeständnis, das auf Grund des persönlichen Glaubens gewährt wurde, der letztendlich auf unbeweisbaren Behauptungen und nicht auf Tatsachen beruht, selbstverständlich auf alle Bürger ausgedehnt werden müsste. Konkret heißt das (um beim angeführten Beispiel zu bleiben): Wenn das betäubungslose Schächten für Muslime oder Juden erlaubt ist, muss es allen erlaubt sein. Und zwar ungeachtet dessen, dass sich sowieso niemand dafür begeistern kann. Dasselbe gilt natürlich auch für das Tragen von Hüten auf Führerscheinfotos, usw.

Unsere demokratische Gesellschaft darf und muss aber auch anderer tradierte und damit für viel selbstverständliche Verhaltensweisen aus dem religiösen Bereich hinterfragen. Warum beispielsweise darf einem 8-jährigen Kind die Beichte abgenommen werden? Dieses Aufladen von Minderjährigen mit dem katholischen Schuldkomplex ist gängige Praxis. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit steht in einer Gesellschaft, die Menschenrechte respektiert – mit oben erwähnten Ausnahmen – außer Streit. Das Recht auf psychische Unversehrtheit ist vermutlich schwerer zu gewährleisten, aber dort, wo die Indoktrinierung mit Schuldgefühlen evident ist, wie im Fall der Beichte, müssen ähnliche Verbote ausgesprochen werden. Noch dazu, wo in vielen Fällen die Beichte von Männern abgenommen wird, die besser selbst vor der staatlichen Gewalt und nicht der Klasnic-Kommission Zeugnis ablegen sollten.

Die katholische Kirche hat vielen Generationen vor uns schon einen Rucksack umgehängt, den viele ihr Leben lang nicht loswerden konnten und können. Der Kirchenaustritt reicht dazu nicht. In Österreich sind Menschen ab 14 religionsmündig und bis zu diesem Alter sollten sie auch nicht Mitglied von Religionsgesellschaften sein dürfen. Im Sinne der psychischen und physischen Integrität.