| Ohne Bekenntnis

Bloods and Crips

Ein Outtake aus meinem Buch „Ohne Bekenntnis“. Ein Exkurs über in-group und out-group Identität.

Für mein Buch „Ohne Bekenntnis“ musste ich im Lektorat ca. 100.000 Zeichen kürzen. Mein Manuskript war zu lang. Mit dem Residenz Verlag waren vertraglich 360.000 vereinbart, aber ich hatte 580.000 geschrieben, weil ich bei meinem ersten Buch einfach nicht abschätzen konnte, welchen Umfang es ausformuliert haben würde. Als neuer Zielwert wurden 480.000 Zeichen ausgemacht. Meine Lektorin Barbara Köszegi ließ die nötige Strenge walten und entfernte zielsicher alle Teile, die nicht unbedingt notwendig waren. Das Kapitel über die Abgrenzung zur Esoterik habe ich dann selbst noch gestrichen, um ein paar andere Passagen wieder aus dem Limbo zurückzuholen. Vielleicht veröffentlich ich es auch auf meinem Blog, wie den hier folgenden Exkurs über in-group und out-group Identität, der es auch nicht in die Endversion geschafft hat.

Dieses Foto habe ich am Freeway in der Nähe von Compton, CA im März 2018 aufgenommen. In Compton selbst habe ich nicht fotografiert.

 

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Bloods and Crips

Abgrenzungsprozesse über religiöse Zugehörigkeit bis hin zur Abschottung von außenstehenden Gruppen erhöhen den Wert der eigenen sozialen Identität. Dieses Verhalten ist nicht exklusiv bei religiös motivierten Radikalisierungen zu beobachten, sondern in vielen Bereichen der Gesellschaft anzutreffen. Vom harmlosen verbalen Geplänkel rivalisierender Fußballanhänger bis zu gewalttätig ausgetragenem Hooliganismus.

Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiert die Stellen und den Stellenwert in der Gesellschaft und führt im schlechtesten Fall zu einer Spirale der Gewalt, die für die Beteiligten in einem Ausmaß zur Normalität wird, das für Außenstehende kaum mehr nachvollziehbar erscheint, wie das folgende Beispiel zeigt.

Letztes Jahr kam ich bei einem Besuch von Freunden in Amsterdam mit Jaime ins Gespräch, der seine Kindheit und Jugend im legendären Stadtteil Compton in Los Angeles verbracht hatte und darüber erzählte. Die Auseinandersetzungen der lokalen Gangs wurden durch die weltweite Verbreitung von Gangster Rap zu einem verklärten Bestandteil der Popkultur der 1990-er Jahre. „Straight Outta Compton“ hieß das erste Album der Niggaz Wit Attitudes (N. W. A.). Es legte den Grundstein für so einige Karrieren im Hip Hop – allen voran Ice Cube und Dr. Dre – und transportierte die Faszination der Bloods and Cripsin die von Teenagern bewohnten Kinderzimmer des späten 80-er und frühen 90-er Jahre. Bloods und Crips waren die Namen der Gangs, die Compton in Mitten L. A.s zu einem surrealen Schauplatz tödlicher Gewalt machten. Mit welcher Brutalität und autoritärer Unterdrückung die gleichaltrigen Pendants im südlichen L. A. selbst zu leben hatten, war von der eigenen Lebensrealität mitteleuropäischer Schulhöfe so weit weg wie Sodom und Gomorrha.

Die Initiation erfolgte bei den Crips so, dass man im Volksschulalter schon einmal blutig geprügelt wurde. Damit war die Aufnahme in die Gang geglückt und fortan hatte man sich farblich, also blau (Crips) oder rot (Bloods) zu erkennen zu geben. Jaime, der in einer Crips-Nachbarschaft aufgewachsen war, hatte das Pech, in eine Schule gehen zu müssen, deren Farben jene der Bloods waren. Weil er für die Baseballspiele rote Jerseys tragen musste, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf dem Schulweg in den Waschräumen von Restaurants oder Tankstellen umzuziehen, um nicht von jemanden, der ihn nicht kannte, ins Visier genommen zu werden. Durch ausgedehntes Baseballtraining und die Spiele gelang es ihm, den Aufforderungen an tödlichen Drive-by-Shootings teilzunehmen, zu entgehen. Die Gewalt setzte sich natürlich trotzdem an den Innings der Baseballplätze fort und mündete in absichtlichen Verletzungen mit und ohne Baseballschläger.

Jaime geriet regelmäßig mitten in Schießereien und wurde insgesamt drei Mal von einer Kugel erwischt: einmal über dem Knie, einmal durch den Oberarm und ein Streifschuss an der Hüfte. Diese Schießereien in der Nähe der Schule, bei Partys und Ausflügen gab es häufig. Er trägt noch immer ein Foto seiner 5. Klasse mit sich als Erinnerung, wo er aufgewachsen ist. Von seinen 30 Klassenkollegen als Zehnjähriger wurde fast die Hälfte erschossen bevor sie 16 waren. 10 konnten die High School abschließen. Nur drei gelang es überhaupt aus Compton zu entkommen. Das ist das absurdeste an der Geschichte. Mitten in L. A., mitten in einer der größten und reichsten Volkswirtschaften der Erde, in Kalifornien, aus der die technologische Entwicklung des Planeten getrieben wird und deren Gesellschaft zu einer der liberalsten zählt, entsteht ein unsichtbarer Käfig aus Gewalt, aus dem es kein Entkommen gibt, obwohl es jedem freisteht, jederzeit zu gehen und sich irgendwo anders in den USA niederzulassen.

Jaime hat nicht nur Compton, sondern auch die USA verlassen. Wenn man ihm gegenübersitzt, blickt einem ein knapp 40-jähriger Amerikaner entgegen, von dem man nie annehmen würde, dass er so eine unglaubliche Vergangenheit hat. Die Vorstellung irgendwo aufzuwachsen, wo permanent eine Art Bürgerkrieg herrscht, wo jeden Tag geschossen wird, wo die persönliche Freiheit unterdrückt wird, wird nur noch davon übertroffen, dieses Schicksal freiwillig zu suchen.

Aber auch das passiert. Islamische Fundamentalisten schafften es jedenfalls, Menschen aus ihren sicheren Wohnungen in Europa zu holen und in Kriegsgebieten kämpfen zu lassen mit dem Ziel, in naher Zukunft ein Kalifat zu errichten, verbunden mit der Aussicht auf Sinn im Leben durch religiöse Heilsversprechen. Die Abwertung, Unterwerfung oder Vernichtung all dessen, was sich von einer Gesellschaft nach der Vorstellung einer Religion – hier konkret der islamistischen Spielart des Islamischen Staats – unterscheidet, ist die Grundregel in der fundamentalistischen Verbreitung religiöser Lehren. Oder, wie Sigmund Freud feststellte: „[…] darum muss eine Religion, auch wenn sie sich die Religion der Liebe heißt, hart und lieblos gegen diejenigen sein, die ihr nicht angehören.“ (Freud, S. 61)