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Böhmermann im Österreichischen Regierungsfunk

Mit seinem Gespräch im Kulturmontag führt Böhmermann den ORF als Regierungsfunk vor.


Vorbemerkung:
Ich sehe selten fern. Das inkludiert auch die neue – auch vom ORF – gerne angewendete Definition nicht-linearen Fernsehens in Form einzelner Clips, die auf Fremdplattformen gehostet oder geteilt werden. Jens Böhmermann habe ich zwar insgesamt selten, für meine Verhältnisse aber trotzdem oft gerne gekuckt, wenn er mir einmal in meine Timelines geworfen wurde. Provokant und politisch trifft er oft den tagesaktuellen Zeitgeist – wir erinnern uns an den großartigen Varoufake – oder er sorgt mit seinen Sketches selbst für Nachrichten – siehe die weitreichende Debatte mit dem von ihm vorgetragenen Erdoğan-Gedicht. Böhmermann hilft mit die Grenzen der Meinungsfreiheit auszuloten, egal ob man das, was er macht inhaltlich immer teilt oder nicht. Aber würde man es immer inhaltlich teilen, dann wäre es auch langweilig, obwohl Böhmermann die Dehnung der Grenzen natürlich immer nur unter dem Schutz der politischen Korrektheit vornimmt.

Ich weiß es naturgemäß nicht, aber ich vermute, dass Böhmermann die Ideen zu dieser Form der Satire nicht alle selbst hat, sondern dass – wie bei ähnlichen Formaten – oft ein ganzes Team im Hintergrund sich seine Schmähs ausdenkt. Böhmermann präsentiert sie dann in seiner Rolle als Satiriker und das macht er in der Regel gut, wobei mir der Regelfall nicht so geläufig ist. Dazu kenne ich dann doch zu wenig von ihm. Wie gesagt, ich sehe selten fern.
Diese Woche sah ich das erste und bislang einzige Mal den Mensch Böhmermann, der als Künstler anlässlich seiner Grazer Ausstellung „Deutschland-Anschluss-Österreich“ im ORF Kulturmontag von Ex-Raiffeisen-Boss Christian Konrad interviewt wurde. Hier war Böhmermann auf sich alleine gestellt und konnte nicht nur auf vorformulierte Witze zurückgreifen. Wollte er im Interview satirisch sein, musste er ad hoc liefern. Das fiel ihm sichtlich nicht immer leicht.
Zu Beginn verwertete er einen Hinweis auf Thomas Bernhard und seine „6,5 Millionen Debilen und Tobsüchtigen “ in Österreich noch geschickt. Ob er Thomas Bernhard überhaupt kennt oder gelesen hat, tut dabei nichts zur Sache, aber den Bevölkerungszuwachs der letzten 30 Jahre schlagfertig zu „8 Millionen Debilen“ auszubauen, sich später im Gespräch dann noch selbst mit Adolf Hitler zu vergleichen, ist mutig und lustig. Es reflektiert seine Fähigkeit als Satiriker. Um zu würdigen, dass er sich satirisch als Neonazi outet, habe ich ihn eingangs auch als „Jens“ bezeichnet, so wie er Martin Sellner gerne „Manfred“ nennt.

 

Böhmermann verkleidet sich als Prince Harry. (Archivbild)

Doch auf dem Niveau blieb Böhmermann in diesem Interview nicht durchgehend. Seine weiteren Antworten wirkten – in etwa so wie mein Witz mit Raiffeisen-Konrad vorhin – etwas langgezogen und gequält. Zu Strache und Kurz wollten ihm keine rechten (höhö) Wuchteln gelingen. Wenn Böhmermann den Facebook-Postings von Heinzchristian Strache den Charakter „volksverhetzender Scheiße“ attestiert, dann ist das eher eine, wenn auch sehr kurze, politische Analyse und es steht ihm naturgemäß zu, seine persönliche Meinung zu äußern. Wenn er von Kurz als „32-jährigem Versicherungsvertreter mit Haargel“ spricht, der zu jung für die Politik ist, dann wird aus der Satire Wertung bzw. der Versuch einer persönlichen Abwertung. Ob etwas Satire ist oder nicht, liegt nämlich in der Motivation des Absenders. Es wirkte nicht wie Satire, sondern eher wie eine kindgerechte Beschimpfung von jemandem, der sich mit flutlicht-, aber artigem Virtue Signalling den niedrigst-hängenden Applaus abholt. Zu politischem Umdenken führt Preaching to the Converted eher nicht. Gerade die ausschlaggebenden ideologischen Swing States werden damit nicht erreicht.

Wenn Böhmermann meint, Politiker machen keine Satire, gilt dann im Umkehrschluss nach seinem Schuster-Leisten-Prinzip, dass Satiriker sich nicht mehr ernstzunehmend politisch äußern dürfen? Natürlich nicht. Sie dürfen, sie sollen, sie müssen. Böhmermann äußert sich in einer Tour politisch. Er ist politischer Aktivist. Und er irrt er sich gewaltig mit der Annahme, dass Politik humorbefreit sein muss. Das satirische Element, die Überhöhung des Tatsachensubstrats, steht Politikern genauso zu, wie ihm. Es ist in der österreichischen Politik durchaus anzutreffen, und damit ist weder die nachträgliche Etikettierung von Beschimpfungen noch unfreiwillige Komik gemeint, sondern die feine, polemische Klinge. Auch die gibt es, selbst wenn sie nicht zum Standardrepertoire des Großteils der Volksvertreter zählt. Auf dem Niveau des „Versicherungsvertreters“ bewegt sich der durchschnittliche österreichische Politiker aber allemal.

Ein wesentlicher Punkt ist, dass nicht jede Äußerung eines Satirikers auch Satire ist und auch Böhmermann im Gespräch zwischen Satire und Nicht-Satire wechselt. Das ist keine große Einsicht und nicht weiter überraschend, aber das Tucholskysche Diktum „Satire darf alles“ wäre dann konsequent auch nur genau auf die satirischen Teile anwendbar – sofern man sich dieser Bevorzugung der Meinungsfreiheit überhaupt anschließen will. Satire darf alles, sie ist aber kein Freibrief, jede Äußerung eines professionellen Satirikers automatische als solche einzustufen. Satire ist außerdem kein Privileg für staatlich geprüfte Ausübende dieser Kunst. Sie steht uns allen zu und ist überdies eben keine herausgehobene Form der freien Meinungsäußerung. Wir dürfen sowieso alle alles sagen und wir müssen dafür auch in Kauf nehmen, kritisiert zu werden. Und wer glaubt, wie es z. B. Strache versucht hat, Beschimpfungen mit einem Smiley als Satire besonderer Immunität zuzuführen, hat dieses Prinzip nicht verstanden.

Zum Abschluss des Gesprächs – es war kein Interview – mit Konrad folgte noch so etwas wie eine politikwissenschaftliche Kurzanalyse von Identitätspolitik. Was Böhmermann dazu zu sagen hatte, klang anfangs durchaus als vernünftige Kritik. Er verortete identitäre Politik als eine im Wesen differentialistische und damit faschistische Sichtweise auf kollektivistische Vereinnahmung über Gruppenidentitäten. So weit so gut, aber im Verlauf seiner Ausführungen schien er den Identitätsbegriff rein auf das völkische Element rechter identitärer Politik zu beschränken. Sollte das eine subtile Kritik an linker identitärer Politik gewesen sein, um sie als exklusive Zuordnung zu rechter Politik der Verwerflichkeit zuzuführen? Dieser mögliche Versuch einer begrifflichen Umdeutung oder Eingrenzung von Identitätspolitik, die ursprünglich politisch links verortet war und noch immer dort auch angesiedelt ist, wird nicht glücken. Damit müsste Böhmermann single-handedly einen politischen Begriff neu prägen, und selbst dann hört linke Identitätspolitik ja nicht auf zu existieren.

Oder weiß Böhmermann vielleicht gar nicht, was mit Identitätspolitik gemeint ist oder verwechselt diese gar mit der Identitären Bewegung? Ich weiß es nicht. Es war offensichtlich weder Satire, noch ernstgemeinte politische Analyse. War dieses Interview insgesamt eine Durchschnittsleistung oder hatte Böhmermann einfach einen schlechten Tag? Unerheblich. Das sollten die zahllosen Böhmermann-Experten unter sich ausmachen.

 

Das war eine etwas lange Vorbemerkung, aber was ich eigentlich sagen wollte:

Eine Sache hat Böhmermann aber jedenfalls mit diesem Gespräch bewirkt: Der ORF hat sich damit als Regierungsfunk zu erkennen gegeben.

Dass sich der ORF bemüßigt fühlt, sich von den Aussagen Böhmermanns zu distanzieren, ist bemerkenswert. Dass Medienhäuser nicht mit der Meinung ihrer Interview- oder Gesprächspartner übereinstimmen müssen, versteht sich von selbst, sonst müsste es ja bei jedem einzelnen Gespräch, in jeder Sendung als Disclaimer hinzugefügt werden.

Aber eine aktive Distanzierung, also die Feststellung der Nicht-Übereinstimmung der Aussage mit der Haltung des Mediums geht einen Schritt weiter. Der ORF schließt sich also der Meinung Böhmermanns nicht an, sondern vertritt eine andere, vielleicht sogar die gegenteilige Haltung. Der Verdacht liegt Nahe, dass der öffentlich-rechtliche Sender Kanzler und Vizekanzler vor verbalen Angriffen schützen will, und das obwohl der ORF nach der Ausstrahlung des Gesprächs und der erfolgten Distanzierung die Satire als besonders immunisierend herausstreicht. Adding injury to insult. Damit deklariert sich der ORF eigentlich als genau jener “Regierungsfunk”, der er nicht sein will und das, obwohl den Gebührenzahlern beständig suggeriert wird, dass genau die Entrichtung der Gebühren, die Unabhängigkeit des ORF von Staat und Regierung gewährleistet.

Nun haben wir – dank Böhmermann – einen weiteren Beleg dafür, dass die Sorge um die journalistische Unabhängigkeit ganz offensichtlich doch nicht so eng mit der Finanzierungsform verwoben ist, wie vorgegeben.

PS: Der Wiener Rechtsanwalt Walter List hat in Österreich und Deutschland gegen Böhmermann wegen seinen Äußerungen im ORF Kulturmontag Anzeige erstattet. Es ist davon auszugehen, dass es in dem Fall naturgemäß zu keinem Verfahren kommen wird. Sollten die Äußerungen Böhmermanns nicht vom Recht der freien Meinungsäußerung erfasst sein, dann ist dieses ohnehin wertlos. Aber immer auch schön, wenn das ein Gericht von Zeit zu Zeit feststellt. Ob Herr List dann selbst zu den 8 Millionen Debilen zu zählen ist oder in der Menge jener erfasst sind, die das Delta auf 8,773 Millionen Bevölkerung ergeben, bleibt dann dem persönlichen Urteil des Beobachters überlassen.