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Die Impfgegner sitzen in der Regierung

Der Groll der Aufgeklärten versickert wirkungslos in Häme über Verschwörungsfiktionen, während die Regierung den Schaden anrichtet.

Impfgegner sind ein beliebtes Ziel des wachen und aufgeklärten Spotts. Und das nicht ohne Grund – das grundsätzliche und corona-spezifische Ablehnen von Impfungen wird nicht selten von einem faktenresistenten, geheimwissenschaftlichen Unterbau begleitet, der mit anderen Verschwörungsfiktionen neue Chimären zeugt. Die Anhänger dieser esoterischen Alternativöffentlichkeiten haben eine Gemeinsamkeit: Sie teilen eine Sicht auf eine Welt, die für sie nicht so sein kann, wie sie oberflächlich scheint, sondern von Kräften, Seilschaften und Netzwerken gelenkt wird, die im Dunkeln agieren. Diese komplizierte Wirklichkeit entspricht genau dem Gegenteil von Occam’s Razor, dem reduktionistischen Rasiermesser, das von Wilhelm von Ockham als Denkfigur entworfen wurde und vereinfacht ausgedrückt besagt, dass die naheliegende und einfache Lösung zur Erklärung eines Phänomens auch die Wahrscheinlichste ist. Oder: Die Dinge sind in der Regel, wie sie scheinen.

Natürlich gibt es daneben auch berechtigte, ablehnende Skepsis an traditionellen Erklärungsmustern für noch nicht erklärbare oder komplexe Phänomene. Sonst wäre die wissenschaftliche Methode überflüssig. Eine von hunderten Verschwörungsfiktionen mag sogar stimmen. Aber da kommt es dann schon darauf an, aufs richtige Pferd zu setzen, will man nicht als generell anfällig gelten. Wer wie Verschwörungsvulnerable auf sehr viele Pferde gleichzeitig setzt, weil ja doch in seltenen Fällen eines gewinnt, irrt sich in allen anderen Fällen und darf in die letztere Kategorie der Anfälligen gerechnet werden. So ist es also auch kein Zufall, dass Klimaskeptiker, Coronaleugner, 5G-Paranoide, Trump-Sympathisanten und Impfgegner sich an der gleichen Türschnalle infizieren, die sie einander am Eingang zu Anti-Corona-Demonstrationen in die Hand drücken.

Dieses verirrte Denken kann, darf und soll auch kritisiert werden – solange der Blick auf reale Probleme dadurch nicht verstellt wird und die Größenordnungen gewahrt bleiben. Kritische Aufmerksamkeit sorgsam zu verteilen, ist kein Whataboutism, sondern wertvolles Diskurskapital.

Teuer erkaufter Distinktionsgewinn

Der wiederholte Hinweis darauf, wie dumm denn diese Leute sind, die gespielte Empörung über fehlende Masken bei Demonstrationen, usw. haben aus genau diesem Grund, weil das eingangs Ausgeführte alles hinlänglich bekannt ist, ganz allgemein keinen praktischen, gesellschaftlichen Nutzen und ergeben speziell bei Corona als NPI (nichtpharmazeutische Intervention) wenig Sinn. Tugendprahlerei entfaltet an sich keine konstruktive oder vorbildliche Wirkung. Auch prominente Irrläufer mit großer Reichweite wie Sucharit Bhakdi zu dämonisieren und der Menschheit zu erklären, dass man den Erkenntnisstand selbst besser wiedergeben kann, reicht bestenfalls zum persönlichen Distinktionsgewinn. Natürlich, der Ärger von Wissenschaftlern ist nachvollziehbar, wenn sie ihn ihren Disziplinen von Scharlatanen provoziert werden, alleine es bringt nicht viel, auf Facebook und Twitter die Energie mit Spott und schlechten Analogien zu vergeuden für ein paar hundert Likes und Favs von Menschen, die nicht mehr überzeugt zu werden brauchen. Diese Kommunikation und ihre selbstverstärkende Rückkoppelung erreicht auch nur jene, die von Beginn an, seit März 2020 wissen, dass nur Evidenz und wissenschaftliches Vorgehen als Grundlage für politische Maßnahmen und deren gesellschaftliche Umsetzung dienen kann.

Wir wissen, dass testen, isolieren und – letztendlich mehr als alles andere – impfen die Grundlage für die Eindämmung und Bekämpfung der Pandemie sind. (Und natürlich gute politische Kommunikation, die nicht nach dem Muster von politischem Campaigning zur Profilierung und Parteimarketing abläuft. Aber das ist ein eigener Beitrag.)

Adressat Regierung

„Man müsse jetzt auf die Wissenschaft hören“, tönt es sinngemäß aus den Reihen der Naturwissenschaftler. Der Adressat dieser Botschaften ist die Politik und sie hört auch zu. Das Problem ist eher, dass bei diesem Appell die sogenannten Humanities also Geistes- und Sozialwissenschaften naturgemäß nicht mitgemeint sind und Experten für politische Kommunikation nicht eingebunden werden. (Bestenfalls die üblichen Campaigner. Siehe oben.)

Die Erkenntnisse über die Wirkmechanik und Verbreitung von COVID-19 dienen als Grundlage für politische Maßnahmen. Darüberhinaus stehen Virologen, Mathematiker und Wissenschaftserklärer in der öffentlichen Debatte nicht an, Einschränkungen zu fordern, die über das Bereitstellen ihrer Fach-Expertise hinausgehen. Das ist freilich ihr gutes demokratisches Recht, aber Analysekompetenz und Lösungskompetenz sind unterschiedliche Werk- und Rüstzeuge. Wichtig ist festzuhalten, dass die Fähigkeit zu erklären, wie das Virus sich verbreitet, dass Masken davor schützen, wie Impfstoffe wirken etc. keine Befähigung nach sich zieht, die Wirkung in Gesellschaft, Bildung, Wirtschaft usw. abschätzen zu können. Auch weil die Kompetenz einer wirkungsvollen Kommunikation dieser Maßnahmen damit nicht automatisch einhergeht. Den Politikern geht es damit nicht anders.

Und weil diese Fähigkeiten fehlen, Konzepte zu entwerfen und zu kommunizieren, die größtmögliche individuelle und wirtschaftliche Freiheit erhalten, erstaunt es nicht, dass neue Maßnahmen in aller Regel aus Verschärfungen bestehen, weil die bisherigen mangels Akzeptanz auch nicht so richtig greifen.

Politische Verantwortung

Jetzt haben Naturwissenschaftler als Adressaten ihrer Expertise schon ganz richtig die Politik identifiziert, weil sie sich davon versprechen, dass ihre Anleitungen auch von ihr umgesetzt werden. Die Transformation will aber politisch nicht so recht gelingen. Außer an den extremen Rändern der Erdscheibe, wie in Norwegen oder Neuseeland, haben die Regierungen versagt oder völlig versagt. Dass Bolsonaro, Trump oder Johnson belächelt werden, macht die Fehler von Kurz und Anschober nicht ungeschehen. Von den viel gescholtenen Schweden hat man nicht gelernt, sondern im Herbst – Monate später – eine völlig vermeidbare Anzahl von Todesfällen in Pflegeheimen produziert. Vorbereitungen auf eine zweite Welle wurden versäumt stattdessen wurde ein chaotischer Einschränkungsmix mit untauglichem Ampelsystem verabreicht. Begleitet wurde all das von einem Multikommunikationsversagen der Regierung gepaart mit einem sturen Föderalismus. Wäre das nicht schon schlimm genug, hat vor allem die bisherige Umsetzung der wichtigsten Maßnahme – der Schutzimpfung – in Österreich versagt. Damit werden mehr Tote, Leid und Freiheitsentzug produziert als durch die Summe individuellen Nichtmaßnahmenvollzugs.

Und hier wird der Auseinanderfall aus Verantwortung (SKurz & RAnschober) und Verschwörungsfiktion (QAnon) in der Praxis deutlich: Es sind nicht demonstrierende Impfverweigerer, es ist die österreichische Bundesregierung, die durch ihre Unfähigkeit verhindert, dass die Bevölkerung umfassend und schnell geimpft wird und damit den Schaden ganz manifest vergrößert. Bundeskanzler, Gesundheitsminister et al handeln nicht vorsätzlich, aber grob fahrlässig und müssen daher mit Fug und Recht auch als die eigentlichen Impfgegner bezeichnet werden. Sebastian Kurz und Rudolf Anschober haben wiederholt falsche Entscheidungen getroffen und ihre politische Verantwortung nicht wahrgenommen. Ihr Rücktritt ist dringend geboten.

Kein Whataboutism, sondern Realpolitik

Der naturwissenschaftliche Groll und Empörismus der sozialen Medien richtet seine Energie aber weiterhin – nicht ausschließlich, aber überproportional – auf jene, die keine politische Verantwortung tragen und nicht gegen diejenigen, die tatsächlich einen Unterschied machen können. Der Adressat politischer Wirkmacht ist ja bereits identifiziert. Die Regierung wird aber aus unverständlichen Gründen von jenen weitgehend verschont, die sonst mit Erklärungen, Ratschlägen und Forderungen nicht sparen. Lieber arbeiten sie ihren Frust an den Obskuranten ab, die als leichtes Opfer für Spott herhalten, weil sie es auch schaffen, die Aufmerksamkeit geschickt auf sich zu ziehen. Ja, diese Kritik ist notwendig, um die Impfbereitschaft gerade im Gesundheits- und Pflegebereich nicht zu untergraben. Im Rest der Bevölkerung herrscht derzeit aber eher Impfneid. Wenn ein paar Deppen auf die Straße gehen und lauthals verkünden, dass sie sich keinem Impfzwang unterwerfen wollen, dann schaden sie dann in erster Linie sich selbst. Dann kommen wir, die wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Entwicklungen kommerziell orientierter Pharmaunternehmen vertrauen, eben vorher dran und werden auch von Bhakdis Claqueuren nicht mehr infiziert.

Wer für sich demokratisch in Anspruch nimmt, politische Maßnahmen über die eigene Kernkompetenz (als Virologe, Mathematiker, Wissenschaftserklärer) hinaus zu fordern, von dem darf erwartet werden, dass er seine Analysefähigkeiten auch auf jene Faktoren richtet, die den größten Schaden anrichten und auch mit Kritik an den Verantwortlichen nicht spart, die diesen Schaden politisch fortsetzen. Whataboutism? Nein. Willkommen in der Realpolitik.