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Ich bin nicht wütend

Düringers Video wird euphorisch aufgenommen, weil er endlich ausspricht, was Sache ist („Ich sage das, was sich die Menschen denken“. Na dann sehen wir uns einmal an, was Sache ist.

(Nachtrag vorab, weil von vielen Seiten die Rückmeldung kam, dass ich das doch nicht wörtlich nehmen soll. Ich denke, es geht mehr als ausreichend aus dem Text hervor, dass ich das eben nicht mache. Worauf ich hinweisen wollte, sind Punkte, denen einfach in genau dieser Form Beifall gespendet wird. Das Interview Düringers im Standard legt im Übrigen nahe, dass er schon gemeint hat, was er so sagt. Die Übertreibungen natürlich ausgenommen.)

Ich bin nicht wütend. Ehrlich. Zumindest nicht im Sinn Roland Düringers, auch wenn ich mich jetzt schon ein bisschen darübere ärgere, mich bei jenen einzureihen, die auch etwas dazu sagen müssen.

Kurz von vorne: Das Video von Roland Düringers Auftritt beim letzten Dorfers Donnerstalk (Kein Tippfehler. Die Sendung heißt so.) dürfte hinlänglich bekannt sein. Hier ist noch einmal die Langversion:

Interessant dabei ist, dass die Leute hier mit verschiedenen Versionen konfrontiert wurden. Ich habe zunächst auch jene mit dem Intro gesehen, in der Düringer den Betrunkenen mimt.

„Man hat mich hinter der Bühne aufgebaut.“ – „Womit?“ – „Weißer Spritzer.“

Der ursprüngliche Link führte mich später zur einer Version, die damit beginnt, dass sich Düringer als er selbst vorstellt. Bei YouTube können Videos nachträglich geändert werden und das ist in diesem Fall passiert. Das führt aber auch dazu, dass dieses Video sicher anders wahrgenommen wird. Für mich war es zunächst eine besoffene Parodie eines Wutbürgers, wohl wissend (also annehmend), Düringer dachte tatsächlich auch so. Dass das stimmt, hat Düringer in einem Interview mit Der Standard auch bestätigt:

Eigentlich habe ich das schon ernst gemeint. Vorher haben wir eine Parodie über den Wutbürgerkongress gemacht, die Sendung habe ich dann aber als Roland Düringer beendet und das einfach in die Kamera gesagt.

Nun gut: Ich mag ja Düringer und seinen derben Humor, auch die wenig subtilen Schmähs. Mit einem derartigen Auftritt hab‘ ich kein Problem. Schlussendlich hat er durch die gespielte Betrunkenheit auch selbst die Ernsthaftigkeit herausgenommen – was eigentlich schade ist – und selbstverständlich sind die Formulierungen kabarettistisch** überhöht. Wenn er beispielsweise die Wortzahl der 10 Gebote mit EU-Bestimmungen vergleicht, von denen er weiß, dass sie nicht exisiteren, dann erkennt das hoffentlich jeder als Witz. Trotzdem schaffen es Leute, sich darüber zu echauffieren, dass die US-Verfassung doch mehr als 300 Wörter hat.

Und da bin ich an dem Punkt, wo es für mich nicht mehr zusammenpasst. Düringers Video wird euphorisch aufgenommen, weil er endlich ausspricht, was Sache ist („Ich sage das, was sich die Menschen denken„. Na dann sehen wir uns einmal an, was Sache ist.

Roland Düringer deklariert sich als Vertreter der Mittelschicht und ich frage mich ehrlich ohne ihm Reichtum zu unterstellen, ob das stimmt. Dass er mit seinem Beruf aber doch näher bei Berufung liegt als andere, darf ich annehmen:

„Wir sind all jene Systemtrottel, die es schön langsam satt haben im Hamsterrad zu laufen.  … und all jenen, die profitieren den Deppen zu machen.“

Wen meint er da? Meint er mich, der jeden Monat 25 Gehälter überweist (= Deppenmacher) oder bin ich eh auch im Hamsterrad (= wahrscheinlicher)?

Der Mittelstand wird angelogen…

… weil kein Politiker den Mut oder die Eier hat, aufzustehen und die Wahrheit zu sagen.

Najo. Eine klassische Pauschalierung, die auch wenn nicht so gemeint, definitiv gerne so aufgenommen wird. Faktum ist auch: das stimmt einfach nicht.

Das Wasser steht uns bis zum Hals. Die Systeme werden im künstlichen Wachkoma gehalten. […] … mit Banken und Konzernen über das Volk zu herrschen.

Huh? Das klingt nach einer existenziellen Bedrohung. Welche Systeme? Achtung Verschwörungstheorie!

… weil es in diesem Land keine Pressefreiheit gibt!

Huh? Mit Verlaub. Das stimmt nicht.

… an medizinischen Geräten angeschlossen vergiftet dahinvegetieren, um der Pharmaindustrie und dem Bruttoinlandsprodukt zu dienen.

Geh bitte. Die Pharmaindustrie will uns vergiften? Was will er sagen? Dass Ärzte alle Trottel sind, wenn sie uns Medikamente verschreiben/verabreichen. So ein Unsinn. Wer soll denn forschen, entwickeln und produzieren? Universitäre Kolchosen? Homöopathen?

Wir sind die, die nicht mehr ihre Stimmen in Urnen werfen werden. Wir werden sie behalten, damit wir schreien können.

WTF? Wörtlich gelesen entnehme ich da die Weigerung zu wählen. Was ist die Alternative bitte? Ich nehm’s eh nicht wörtlich, sondern als hübsche Metapher.

Nocheinmal: Ich bin sicher nicht so pingelig um mich an obigen Zitaten aufzuhängen. Das wäre im Kontext lächerlich. Düringer soll das machen. Düringer muss das machen. Und so mobilisiert er auch besser. Humor und Nudelsiebe sind gute Vehikel, um seine Anliegen zu transportieren. Zumindest theoretisch, weil praktisch wird wie immer nicht viel passieren.

Warum? Das offenbart das oben erwähnte Interview mit Düringer:

Es kamen Anfragen, ob wir nicht eine Partei gründen sollten. Aber das halte ich genau für den falschen Schritt. Dann bin ich Teil dieses Systems. Und das System ist am Ende.

Tut mir leid, Herr Düringer, Sie sind bereits Teil des Systems.

Was wir wirklich verändern müssen, ist unser Denken. Wir müssen größer denken lernen. Wir müssen erkennen, was hat wirklich einen Wert und was wird uns nur als Wert verkauft.

Das große Problem politischer Utopien ist die Annahme, die Menschen selbst ändern zu können. Das ist ein frommer Wunsch. Das ist kurzfristig nicht möglich. Die Menschen lassen sich nicht ändern. Demokratische Strukturen zu umgehen, weiß zu wählen, ungültig zu wählen, auf eine Revolution zu hoffen, dann einfach mitlaufen, selbst aber nicht politisch aktiv sein zu wollen, wird nicht funktionieren. Das System muss sich schon von innen ändern. D. h. wir müssen die Menschen wählen, von denen wir annehmen, dass sie dazu in der Lage sind. Und wenn es sie nicht gibt, dann müssen wir selbst politisch aktiv werden.*

Ich teile viele Bedenken Roland Düringers und ich rate ihm in der Formulierung konkreter und präziser zu werden, um Pauschalierungen zu vermeiden. Durch diese wird der Radius der Zielscheibe nämlich auch auf Unschuldige ausgedehnt, die sich dann auch wehren müssen. Schlussendlich führt es dazu, das genau die falschen miteinander streiten.

Und alle jene, die jetzt bequem Beifall klatschen, weil ihnen jemand die Wut-Arbeit*** abnimmt, sollen gefälligst ihre Ärsche in die Höhe kriegen und sich politisch engagieren.
(Nachträglicher Zusatz, weil sich bei dieser Aufforderung natürlich immer die falschen angesprochen fühlen:  Ich habe großes Verständnis, wenn jemand dafür keine Zeit finden kann und sich dabei gern vertreten lässt. Umso mehr ist es aber wichtig zumindest diese Vertretungsbefugnis sorgfältig auszuwählen. Das ist nicht zuviel verlangt.)

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*** Noch einer, der sehr gut Wut-Arbeit abnimmt ist Hugo Portisch mit seinem neuen Buch „Was jetzt

** (Nachtrag: siehe Kurier-Interview)

*Und ich maße mir sogar an zu behaupten, das zu tun: siehe Laizismus-Initiative.