| Laizität

Laizität und Atheismus: Bitte nicht verwechseln

  Ein kurzes Plädoyer für Laizität Das Verhältnis von Laizität zu Atheismus und Agnostizismus ist in der öffentlichen Debatte ebenso wenig definiert wie die Begriffe selbst. Ohne verbindliche oder überprüfbare Definition werden die Begriffe an sich zu Argumenten gemacht bzw. ihre Träger instrumentalisiert. Dieser Zustand ist wahrscheinlich nicht nur für mich unbefriedigend, weshalb es mir […]

 

Ein kurzes Plädoyer für Laizität

Das Verhältnis von Laizität zu Atheismus und Agnostizismus ist in der öffentlichen Debatte ebenso wenig definiert wie die Begriffe selbst. Ohne verbindliche oder überprüfbare Definition werden die Begriffe an sich zu Argumenten gemacht bzw. ihre Träger instrumentalisiert. Dieser Zustand ist wahrscheinlich nicht nur für mich unbefriedigend, weshalb es mir schon lange ein Anliegen ist, meine Sicht der Dinge dazu auch schriftlich festzuhalten, nicht in der Hoffnung eine allgemeingültige Definition liefern zu können, aber um einen Bezugsrahmen für mich zu errichten. Ich versuche dabei, mich möglichst kurz zu halten und verzichte daher auf viele Beispiele zur Illustration.

Nachträglicher Zusatz: Ich habe den Fehler gemacht, die folgende schlampige Definition der Akteure dem Artikel voranzustellen, die in dieser Kürze natürlich auf Widerstand bei jenen stößt, die exaktere Formulierungen wünschen und gewohnt sind. Es handelt sich hier also um keine Dreiteilung und natürlich ist die a/gnostische Dimension von der Glaubensfrage zu trennen. Außerdem gibt es bei allen dreien auch eine naive/fundamentalistische Spielart. Ich nehme aber dennoch davon Abstand, das jetzt umzuformulieren. Mir war es v. a. wichtig im zweiten Teil darzulegen, dass derartige Definitionen und Zuschreibungen nicht als Argumente verwendet werden, was aber passiert.

 

Zunächst definiere ich die Akteure im Geschehen, wobei die kurzen Sätze nur im Zusammenhang mit dem anschließenden, erklärenden Absatz zu lesen sind.

Theismus:
Der Gläubige weiß nicht, ob es einen Gott gibt, er ist aber überzeugt davon.

Atheismus:
Der Atheist, weiß nicht, ob es keinen Gott gibt, er ist aber überzeugt davon, dass es keinen gibt.

Agnostizismus:
Der Agnostiker betrachtet diese Frage als eine, die nicht beantwortet werden kann.

Auffällig an dieser Definition ist, dass alle drei glauben/überzeugt sind, jedenfalls nicht wissen und diesen Zustand des Nicht-Wissens auch akzeptieren. Fundamentalistische Ansichten, d. h. das Wissen, dass es (k)einen Gott gibt, bzw. auch der unerschütterliche Glaube, dass die Beantwortung nur unmöglich sein kann bzw. die Antwort irrelevant an sich ist, sind in dieser Definition nicht berücksichtigt. Natürlich gibt es diese Fundamentalisten, aber sie sind in allen drei Fällen eine Randerscheinung und im Kern nicht wesensbestimmend. Auch deistische, pantheistische („Alles ist Gott“, „Gott ist ein Verb“, usw.) Positionen sind hier als Zwischenstufen nicht erfasst. Den Agnostikern zu unterstellen, dass sie Gott eine 50:50 Chance einräumen, halte ich für eine Fehlinterpretation von Agnostizismus, die ihn als sehr naive Denkart ausweisen würde, die er bestimmt nicht ist. Außerdem ist der Begriff „Gott“ sehr weit gefasst und nicht im engen Sinn eines personalisierten (abrahamitischen) Gottes zu verstehen, auf den sich der Atheismus idR bezieht. Ich unterstelle, dass die Agnostiker im obigen Sinn in Bezug auf den biblischen Gott auch eher als Atheisten im obigen Sinn einzuordnen wären.
Zu berücksichtigen ist aber jedenfalls die Beweislast, die immer diejenigen trifft, die eine per se sich nicht beweisbare Behauptung aufstellen. Nicht-Existenz kann nicht bewiesen werden.

Diese Definition ist meine Definition, die selbstverständlich niemand annehmen muss. Wer aber mit mir in der Sache diskutieren will, sieht sich jedenfalls damit konfrontiert. Ich bin aber durchaus bereit meinen definitorischen Bezugsrahmen anzupassen, aber generell der Meinung, dass es hier keine allgemeinverbindliche Definitionen gibt. Die historische Dimension von Atheismus ist absichtlich ausgeblendet, weil ich an einer gegenwartsbezogenen Definition interessiert bin, die ohne gesellschaftliche Begleiterscheinungen funktioniert.

Die Selbstbestimmung des persönlichen Zustands zur Glaubensfrage alleine hat natürlich noch keine praktischen Auswirkungen. Diese sind für aber wesentlich wichtiger, denn was nützt es etwas zu glauben, wenn sich daraus kein Handeln ableiten lässt. In der Klärung des Verhältnisses von Staat und Religion, ist nicht ausschlaggebend, was jemand ist, sondern wie er sich verhält.
Für mich ist die persönliche Einstellung zu anderen Weltanschauungen im Verhältnis zur demokratischen Republik wesentlich. Diese Verortung ergibt sich für mich – ich wiederhole mich – keinesfalls aus der Definition, ob jemand Agnostiker, Atheist oder gläubig ist.
Folgende drei Eckpunkte halte ich für relevant:

1)  Respekt vor dem Recht, seine Weltanschauung/Religion selbst zu wählen.
2)  Respekt vor dem Recht, seine Weltanschauung/Religion im grundrechtlichen Rahmen auszuleben.
3)  Keine Toleranz für die Forderung, aus Weltanschauung/Religion exklusive Sonderrechte abzuleiten.

Was heißt das in der Praxis?

1)  Respekt vor dem Recht, seine Weltanschauung/Religion selbst zu wählen.

Ich respektiere das Recht, dass jeder glauben darf, woran er will, egal wie sinnvoll oder richtig ich das selbst einschätze. Das heißt nicht, dass ich automatisch respektiere, was der andere glaubt. Es gibt genügend Glaubensinhalte, die ich für absurd halte. Meine Meinung dazu artikuliere ich und gegebenenfalls darf ich mich sogar darüber lustig machen und andere über mich. (Anm. Blasphemische Witze sind nicht gut, weil sie blasphemisch sind. Deswegen finde ich die meisten auch nicht lustig.)

Dieses Recht auf Glaubens- und Gewissensfreiheit zu respektieren ist prinzipiell unabhängig davon, ob man selbst gläubig ist oder nicht, ob man Atheist, Agnostiker, Ignostizist ist. Für Laizität ist es aber die notwendige Grundlage. Fundamentalisten sprechen anderen dieses Recht ab oder setzen diesem Recht u. a. Blasphemieparagraphen entgegen, um manche Weltanschauungen von der Kritik (oder Satire) auszunehmen. In manchen Ländern winkt für den Glaubensabfall sogar auch die Todesstrafe.

2)  Respekt vor dem Recht, seine Weltanschauung/Religion im grundrechtlichen Rahmen auszuleben.

Ich respektiere die Ausübung der Religions- und Weltanschauungsfreiheit im Rahmen der Grundrechte und geltenden Gesetze. Zu tolerieren, dass jemand auf Grund seiner Religion oder Weltanschauung Handlungen ausübt oder andere religiös behandelt, die mit für alle geltendem Recht nicht vereinbar sind, ist ein Kniefall vor Religion, der ebenso wenig Respekt verdient, wie die Handlung selbst.

Die Grenze ist nicht in jedem Fall einfach zu ziehen, wie die Beispiele zeigen: Steinigung in einem modernen Rechtsstaat nicht zu tolerieren ist eine sehr einfache demokratische Übung. Bei der Beschneidung die Grenze zu ziehen, ob eine Grundrechtsverletzung vorliegt, ist für viele sicher schwieriger. Dass die Taufe als Ritual keine Grundrechte verletzt, ist auch klar. Ob die Taufe einen Religionseintritt vor dem Staat begründet, oder ob so ein Religionseintritt (vor dem Staat) nicht überhaupt erst mit Religionsmündigkeit gültig ist bzw. ob das den Staat überhaupt etwas angeht, sind wiederum Fragen, die bei der Ausgestaltung eines laizistischen Staates relevant werden.

Ist es nun wesentlich, ob man Atheist, Agnostiker oder gläubig ist, um dieses Recht respektieren zu können? Natürlich nicht. Das ist eine Frage, die vom Glauben unabhängig ist. Für die Laizität ist es aber Voraussetzung dieses Recht zu gewährleisten und die Grenzen aufzuzeigen.

Religion und religiöse Tradition als Freibrief für automatisch gebührenden Respekt zu begreifen oder sich auf eine Position zurückzuziehen, die in religiösen Fragen generelle Nicht-Einmischung empfiehlt, würde ich bösartig als agnostischen Fundamentalismus bezeichnen. Genauso wie ein Verbot religiöser Handlungen nur aus diesem Grund atheistischer Fundamentalismus wären. Beides halte ich für unsinnig.

3)   Keine Toleranz für die Forderung, aus Weltanschauung/Religion exklusive Sonderrechte abzuleiten.

Wer Religion, persönlichen Glauben oder auch religiöse Tradition (als postuliertes Gewohnheitsrecht) zur Rechtfertigung von rechtlichen Privilegien heranzieht, darf mit meinem Respekt nicht rechnen. Dasselbe gilt natürlich auch für jede andere Weltanschauung, nur dürfte die Fallzahl im Vergleich zu Religion eher gegen null gehen.

Dürfen religiöse Bräuche zu gesetzlichen Änderungen und Ausnahmen führen?

Ja, selbstverständlich! Wenn weltanschauliche Bedürfnisse von einzelnen oder Gruppen dazu führen, dass es gesetzliche Anpassungen gibt, ist das an sich gar kein Problem, solange kein exklusives Sonderrecht daraus wird. Beispiel: Wenn betäubungsloses Schächten auf Grund religiöser Vorschriften entgegen dem Tierschutz erlaubt ist, dann darf das nicht als Ausnahme für Muslime gelten, sondern muss allen erlaubt sein. (Anm. Dass ich persönlich beim Tierschutz in dieser Hinsicht keine Abstriche machen würde, ist für das Beispiel irrelevant.)

Zugeständnisse aus religiösen Gründen zu machen, ist also mit Laizität mE gut vereinbar. Dass ich solche Anpassungen als Atheist inhaltlich kritisiere, widerspricht meinem demokratischen, laizistischen Verständnis in keiner Weise und ich akzeptiere natürlich, dass Zugeständnisse gemacht werden.

Eine Grenzüberschreitung, die ich allerdings als Demokrat nicht hinnehmen kann, ist die Forderung, dass religiöse Rechtsgrundlagen (wie z. B. die Scharia) an sich berücksichtigt und allgemeiner oder partieller Rechtsbestand werden – in welcher Form auch immer. Wenn jemand eine Weltanschauung vertritt, die demokratische Rechtsgrundlagen in Frage stellt oder nicht als übergeordnet anerkennt, ist das mit Laizität nicht vereinbar.

Diese Position im speziellen und der ganze Punkt 3) sind wiederum völlig unabhängig davon, ob man Agnostiker, gläubig oder Atheist ist.

Alle können ebenso glaubwürdig für Laizität eintreten, sogar wenn sie in ihren Überzeugungen akzentuierter sind.

Fazit

Laizität respektiert und gewährleistet (!) das Recht,

… seine Weltanschauung/Religion selbst zu wählen,
… seine Weltanschauung/Religion im grundrechtlichen Rahmen auszuleben,

aber

… kann die Forderung aus Weltanschauung/Religion exklusive Sonderrechte abzuleiten nicht tolerieren.

Laizität ist völlig unabhängig von Atheismus oder Glaube. Beide stehen aber in keinem Widerspruch dazu, außer wenn die Überzeugung ein Ausmaß annimmt, das zur unverrückbaren Wahrheit wird, also fundamentalistisch ist. Das gleiche gilt allerdings auch für den Agnostizismus, der in seiner naiven, kulturrelativistischen Spielart genauso fundamentalistisch ist, weil er die Lebenspraxis einfach ausblendet.

Laizität bedeutet staatliche Neutralität in Bezug auf Religion und Weltanschauung. Sie ist eine Voraussetzung für Demokratie. Sie gewährleistet Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Der Staat maßt sich in Bezug auf persönlichen Glauben keine Entscheidung an und deswegen haben in diesem Punkt die agnostischen Kritiker des Atheismus natürlich auch recht:

Laizität heißt nicht, dass der Staat atheistisch ist, sondern agnostisch.

Persönlich empfinde ich Begriffe wie „atheistische Fundamentalisten“ in den meisten Lesarten als Untergriffe, um die eigene Deutungshoheit zu immunisieren. Der  Streit zwischen Atheisten, Agnostikern und Laizisten ist, wie schon anhand meiner Definition erkennbar werden sollte, völlig entbehrlich. Selbst bin ich Atheist in oben beschriebenem Sinn, von mir aus auch gern agnostischer Atheist. Der Unterschied zum atheistischen Agnostiker hat in der Praxis sowieso den Durchmesser eines Higgs-Bosons.

Und deswegen werde ich weiter betonen, dass meine Selbstdefinition als Atheist (siehe oben) auch nicht konstitutiv für mein Engagement für Laizität ist, sondern unabhängig davon besteht.

Kausalität != Korrelation.