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Newsletter Nr. 11 – Religionsunterricht trennt

Nr. 11, 9. März 2019, ohnebekenntnis.de

Der Ethikunterricht soll also als weitere Schublade neben den verpflichtenden, konfessionellen Religionsunterrichten eingeführt werden, für alle Kinder, die den Religionsunterricht aus welchen Gründen auch immer nicht besuchen. Dass ich das für keine gute Lösung halte, habe ich an dieser Stelle schon oft kritisiert. Siehe „Reserverad Ethikunterricht„.

Eytan Reif hat für seine Initiative Ethik für ALLE nach dieser Richtungsentscheidung der Regierung neue Proponenten eingesammelt und kann hier hoffentlich politischen Gegendruck erzeugen.

Der folgende Text ist ein Auszug aus meinem Buch Ohne Bekenntnis zu diesem Thema.

Religionsunterricht trennt

Die Probleme, die Integration mit sich bringt, sind der Politik grosso modo bekannt, aber zufriedenstellende Lösungen sind kaum in Sicht. Das beginnt damit, dass Religionskultur auch dort toleriert wird, wo sie Gesetze verletzt und Ausnahmen geschaffen werden. Die Toleranz der Grenzüberschreitungen beginnt mit Kleinigkeiten. Auch die Problematiken mit dem Religionsunterricht – und nicht nur mit dem islamischen – sind bekannt.
Gerade beim Religionsunterricht offenbart sich die Hilflosigkeit der Argumentation sehr deutlich. Man will den konfessionellen Religionsunterricht lieber kontrollieren und in der Schule belassen, damit er nicht in den Hinterhöfen stattfindet. Dieses Argument habe ich gefühlt schon 666 Mal gehört. Übersetzt bedeutet es, man weiß genau, dass der Religionsunterricht gefährlich sein kann. Er widerspricht dem humanistischen Bildungsideal, er ist unwissenschaftlich, kaum kontrollierbar und ein Einfallstor für religiöse und auch politische Propaganda. Aber abstellen will man ihn nicht. Die Angst vor dem Instrument der nicht-angreifbaren Religionsfreiheit geht so weit, dass der Religionsunterricht weiter unter der Kuratel der Religionsgemeinschaften in der Schule belassen wird.
Der Schaden, den der Religionsunterricht in Form religiöser Indoktrinierung anrichtet, ist ein Problem für sich, was aber übersehen wird, ist seine soziale Wirkung in der der Schulgemeinschaft. Die Kinder werden nach dem religiösen Bekenntnis der Eltern – selbst erreichen sie die Religionsmündigkeit erst mit 14 Jahren – in Gruppen separiert und lernen ab dem ersten Schuljahr, dass es keine für alle gleiche Wertebasis gibt, sondern eine exklusive Wahrheit. Kinder werden auf ein bestimmtes Glaubenssystem getrimmt, das sie mit der Überzeugung und dem Stolz eines Kindes, das etwas gelernt hat, auch in ihrer Umwelt verbreiten. Nach Michael Schmidt-Salomon, Philosoph und kulturkritischer Publizist, entspricht dies „eher dem kollektivistischen Denken einer geschlossenen als dem individualistischen Denken einer offenen Gesellschaft. Aus einer freiheitlichen, individuumszentrierten Perspektive ist die konfessionelle Aufspaltung der Schülerinnen und Schüler in unterschiedliche Bekenntnisunterrichte nicht zu akzeptieren. Denn sie führt nicht bloß zu einer weltanschaulichenPerspektivverengung, sondern auch zu einer Festigung von Gruppenidentitäten, die das friedliche Zusammenleben der Menschen gefährden.“[i]
In einem Schulsystem, das jahrzehntelang durch eine weltanschauliche Monokultur des Christentums geprägt war, gab es naturgemäß wenige religiöse Reibungsflächen. Doch im Aufeinandertreffen verschiedener Wahrheiten verschiedener Religionskulturen brechen Konflikte auf, die es zuvor gar nicht geben hatte können. Die Berichte von Susanne Wiesinger, Philipp Möller, Kenan Güngör, Hamed Abdel-Samad[ii] und vielen anderen bestätigen das. Aktuelle Zahlen verdeutlichen, dass eine von konservativer Politik herbeigesehnte katholische Leitkulturim Schulwesen auch gar nicht mehr den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung hätte. Die konfessionelle Zusammensetzung der Wiener Schulen 2017 ergibt in etwa diese Aufteilung: 34 % Christen, 28 % Muslime, 17 % Konfessionsfreie und 21% andere.[iii] Die Christen sind bereits in der Minderheit.
Für die negativen Schubladisierungseffekte des Religionsunterrichts gibt es längst eine naheliegende und einfache Lösung: einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle Schüler ab dem ersten Schuljahr, in dem mit allen Kindern die gleichen Fragestellungen des Zusammenlebens erörtert werden, ohne Vorgaben zu machen, wie sie leben sollen, was gut, böse, sündhaft, kosher oder haram ist, und ihnen zu vermitteln, dass Religionskulturen sich nicht nebeneinander in einem Setzkasten Gesellschaftanordnen, sondern alle Individuen und nicht religiöse Kollektive Gesellschaft ausmachen.
Doch dieses Konzept eines Ethikunterrichts wird in Österreich blockiert und im Stadium eines immerwährenden Schulversuchs zermürbt. „Politisch verschleppt – pädagogisch überfällig!“, lautet der Untertitel des Buches „Der Ethikunterricht in Österreich“ von Anton Bucher. Der aus der Schweiz stammende Theologieprofessor und Erziehungswissenschaftler hatte den schon 1997 begonnen Schulversuch Ethikunterricht im Auftrag des Unterrichtsministeriums evaluiert und kam zu der klaren Empfehlung, den Ethikunterricht als Pflichtfach in den Regelunterricht aufzunehmen. Der politische Widerstand war enorm und von der katholischen Kirche in eine Richtung gesponnen: Wenn schon Ethikunterricht, dann nur als Ersatzfach für jene Schüler, die sich vom verpflichtenden katholischen Religionsunterricht abmelden, am besten für alle anderen auch gleich und überhaupt durchgeführt von Religionslehrern mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation. Die von Bucher gesammelten Zitate aus Politik und Kirche im Verlauf des mittlerweile über 20 Jahre dauernden Schulversuchs verdeutlichen die Feindseligkeit gegenüber dem Ethikunterricht. Die ehemalige ÖVP-Bildungssprecherin Getrude Brinek, die auch Assistenzprofessorin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien war, lieferte ein Musterbeispiel dafür ab, wie mit Religion Politik gemacht wird und bezeichnete den Ethikunterricht als eine „großteils verführerische und antiaufklärerische Mischung aus Psycho-Fragmenten, schwammigen Ganzheitsansichten, Solidaritäts-Nötigungen, kognitionslosen Bekenntnissen, […] weder Unterricht noch Erziehung, sondern Ideologie in einem zeitgeistigen Gewande“[iv]. Im Jahr 2000 erhielt sie das Große Goldene Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich.

Literaturverzeichnis

[i] Schmidt-Salomon 2016, Pos. 150
[ii] Vgl. Abdel-Samad 2018, S. 162 ff.
[iii] APA/Stadtschulrat in https://derstandard.at/2000087058010/Schule-und-Islam-Zwischen-Parallelwelten-und-gelungener-Integration
[iv] Bucher, S. 25

 

Religiös-identitäre Feiertagspolitik
Mein Artikel zur Karfreitagspolitik war am Dienstag als Gastkommentar im Standard.
Auch online, aber mit anderem Titel: Neue Karfreitagsregelung – ein gelungener Abbau religiöser Privilegien

Amenlos
Alm