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Newsletter Nr. 2 – Gehört der Hinduismus zu Österreich

Nr. 2, 5. Jänner 2019, ohnebekenntnis.de

Almaste.

Das Wissen über asiatische Religionen ist in Mitteleuropa wohl eher bescheiden und selbst die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Hinduismus und Buddhismus dürfte – das erlaube ich mir zu vermuten – eher gering sein. Das liegt natürlich auch daran, dass Meldungen im Kontext dieser Religionen wenig Nachrichtenwert haben und eher selten in die Berichterstattung Eingang finden. Ein Beitrag über eine päpstliche Neujahrsansprache hingegen bleibt auch 2019 ein Fixpunkt in der deutschsprachigen Medienwelt, selbst wenn sie von der umfassender Inhaltsleere geprägt ist. So beklagte der Papst heuer die Uneinigkeit und forderte mehr Gerechtigkeit – unkonkret, dafür ohne irgendeinen Lösungsansatz. Die übliche Dosis Katholismus zu Jahresbeginn eben.
Auch eine Meldung aus Indien brachte in den letzten Tagen überraschend einen Einblick in den real existierenden Hinduismus. Zwei Frauen haben einen hinduistischen Tempel betreten und lösten damit Proteste mit zumindest einem Toten und über 100 Verletzten aus. Wie in fast jeder Religion sind Frauen auch im Hinduismus Menschen zweiter Klasse, die im gebärfähigen Alter keinen Zutritt zu dem erwähnten Tempel haben. Auch das ist Bestandteil der drittgrößten Religion der Welt – ein vermutlich eher wenigerer bekannter als die Heiligkeit von Kühen.
Über eine Milliarde Hindus leben in Indien alleine. Das sind rund 90% der ca. 1,1 Milliarden Hindus weltweit. Die Verbreitung ist auf wenige Staaten beschränkt, unter den Top 10 sind als Immigrationsländer sogar die USA und UK zu finden. In Österreich liegt die Größenordnung bei ca. 10.000 Hindus. Die letzte Volkszählung aus 2001 ist schon lange her und so müssen wir uns auf Schätzungen und Eigenangaben der Hinduistischen Religionsgesellschaft in Österreich (HRÖ) verlassen, die für sich einen Generalvertretungsanspruch formuliert: „Die ‚Hinduistische Religionsgesellschaft in Österreich’ (HRÖ) dient der Sammlung aller sich zu dieser Religion bekennenden, in Österreich lebenden Menschen. Sie ist die offizielle Vertretung für alle Hindus in Österreich“, heißt es auf der Website (http://www.hroe.at).
Ermöglicht wird diese Totalvereinnahmung durch den Kunstgriff der passiven Mitgliedschaft: „Der Hinduistischen Religionsgesellschaft in Österreich (HRÖ) gehören als passive Mitglieder alle Hindus an, welche in Österreich ihren ordentlichen Wohnsitz haben.“
Eine gesetzlich anerkannte Religionen ist der Hinduismus in Österreich trotz seiner globalen Wichtigkeit aber nicht. Er hat den Status einer religiösen Bekenntnisgemeinschaft. Wendet man dieses Formalkriterium auf die Fragestellung in der Überschrift an, dann gehört der Hinduismus offiziell zu Österreich. In dieser Sichtweise gehören alle 16 gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaften und alle neun religiösen Bekenntnisgemeinschaften zu Österreich. Heißt das dann, dass alle anderen Religionen nicht dazugehören? Welche Kriterien legen wir für die Zugehörigkeit von Religionen an? Und was ist mit den nicht-religiösen Weltanschauungen?
Diesen Fragen widme ich mich auch in meinem Buch „Ohne Bekenntnis“, das am 12. Februar erscheinen wird.

Amenlos
Alm