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Newsletter Nr. 30 – Schlaflose Nächte mit Slavoj Žižek

Nr. 30, 18. April 2020, ohnebekenntn.is

In den Nächten des Ausnahmezustands kann es schon passieren, dass die Schlaflosigkeit irgendwann nach dem ersten Tiefschlaf herandräut und einige Stunden nicht weichen will.
Das passierte mir letzte Woche und als ich dann doch irgendwann einschlief und wieder aufwachte, blieb ich beim Durchklicken der Zeitungen bei diesem Artikel im Standard hängen: Keine Nacht für Niemanden mit dem Vorspann: „Schlafstörungen gelten als Volkskrankheit und erreichen in Krisenzeiten ihren Höhepunkt. Was muss ich über sie wissen? Und wie werde ich sie los?“ Eine ausgezeichnete Lektüre nach einer Nacht voller Insomnia. Meine Erwartungen an den Text wurden nicht enttäuscht. Dass diesen mein Ex-VICE-Kollege Jonas Vogt geschrieben hatte, fiel mir erst nach dem Lesen auf.

So lag ich aber vor dem Wieder-Einschlafen und noch weiter vor dem Lesen von Jonas‘ Text wach im Bett. Üblicherweise jage ich der Müdigkeit dann mit dem Konsum von Buchseiten nach. So auch in dieser Nacht. Und meinen Wahl fiel auf „Pandemic!“ das neue Buch oder vielmehr Essay von Slavoj Žižek, das mir am Abend noch von Jonas‘ Nachfolgerin bei Noisey (VICE) empfohlen ward. Isabella lag also schlafend neben mir, während ich das Buch um 1:30 begann und in einem Zug beendete.

 

Slavoj Žižek: Pandemic! – COVID-19 shakes the world

Der Žižek nützt den Ausnahmezustand dazu, seine Gedanken zum Ausnahmezustand in einem Buch oder vielmehr einem Büchlein von überschaubaren Umfang abzulegen. In zwei Stunden hat man die zehn Kapitel locker durch.
In Pandemic! sind naturgemäß keine großen Überraschungen zu finden. Zum Ausnahmezustand ist wirklich alles gesagt und analysiert. So kann man Žižek nicht vorwerfen, dass er sich dieselben Fragen stellt, wie eh alle anderen auch.
Die Einleitung mit einem „What is wrong with our system that we were caught unprepared by the catastrophe despite scientists warning us about it for years?“ abzuschließen, ist dann aber doch gar nicht so epochal. Aber das Offensichtliche in Worte zu bannen, ist eine Kunst, die ich respektiere, wissend, dass es mir selbst oft nicht gelingt.
Nun ja, lieber Slavoj, es gibt natürlich für jede erdenkliche Katastrophe Menschen – Wissenschaftler sind mitgemeint –, die genau davor warnen, aber ich will damit keineswegs die Frage abwerten. Warum es abgesehen von überalterten Epidemiegesetzen keinen (ernstzunehmenden) Maßnahmenplan gegeben hat, ist auch eine Frage der politischen Verantwortung, die zu klären sein wird. Was an Žižeks Frage spannend – wahlweise entlarvend – ist, ist die Unterstellung, dass sich die Menschheit irgendeinem System unterworfen hätte. Aber damit sind die vermeintlichen Errichter dieses Systems auch flink als Schuldige identifiiziert. Das System dient offensichtlich nicht nur Rechtspopulisten als Chiffre für Verschwörungstheorie.
Wenig überraschend, wird dann dort gesucht, wo man es bei Žižek erwarten darf: „We should of course analyze in detail the social conditions which made the coronavirus epidemic possible.“ Und weiter: „The usual suspects are waiting in line to be questioned: globalization, the capitalist market, the transience of the rich.“
Aber ich mache es mir hier zu einfach. Žižek gibt es natürlich nicht so billig, den Kapitalismus nach wenigen Seiten als allein Schuldigen zu identifizieren. Er weiß schon, dass die gentechnik-freie Natur ganz bio selbst am Werk ist: „The really difficult thing to accept is the fact that the ongoing epidemic is a result of natural contingency at its purest, that it just happened and hides no deeper meaning.“
Aber es ist ja auch egal, ob die Natur oder die kapitalistische Natur jetzt Schuld tragen – nach dem ersten Drittel des Essays ist klar: Ein neuer Kommunismus muss her! „Coronavirus will also compel us to re-invent Communism based on trust in the people and in science.“

Zum Beweis, dass es tatsächlich so ist, bemüht Žižek eine Analogie zu Quentin Tarantinos „Kill Bill“: „The coronavirus epidemic is a kind of ‚Five Point Palm Exploding Heart Technique‘ on the global capitalist system – a signal that we cannot go on the way we have till now, that a radical change is needed.“
Spoiler: Es handelt sich hier um eine völlig substanzlose Behauptung, die er auch selbst in weiterer Folge nicht auflösen kann.
Seinen neuen Kommunismus (aka Neosozialismus) definiert Žižek dann ungefähr so: „Full unconditional solidarity and a globally coordinated response are needed, a new form of what was once called Communism.“ Hippie.
Die einzige Alternative zu seinem Neosozialismus sieht Žižek in der Barberei: „Communism or Barbarism, as Simple as That!“ brüllt er uns als abschließende Kapitelüberschrift entgegen. Das Ausrufezeichen übertüncht die Lücke, die hier für eine schlüssige Argumentation vorgesehen gewesen wäre.

Auch wenn ich Žižeks Schlüsse nicht teilen kann, ist jede Lektüre seiner Bücher – so auch dieses Essays – absolut empfehlenswert. Nicht zuletzt, weil sie das eigene Denken und den Widerspruch schärft.

Außerdem verschenkt Žižek (bzw. sein Verlag) als gestandener Neosozialist die ersten 10.000 Exemplare von „Pandemic!„. Das finde ich gut und ich war mir nicht zu Schade, dieses Angebot auch selbst zu nützen. Selbst jetzt beim Abschicken dieses Newsletters (Tage später!) ist das freie Kontingent noch nicht erschöpft: https://www.orbooks.com/catalog/pandemic/

Vorgezogenes PS:
Zum aktuellen Thema „Das Ende des Kapitalismus durch COVID-19“ schreibe ich auch gerade an einem Text, der wohl demnächst in meinem anderen Newsletter (bei Addendum) abgedruckt werden wird. Hier könnt ihr euch registrieren: https://www.qvv.at/newsletter

 

Amenlos
Alm