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@NikolausWatch hat uns 24 Stunden überwacht

Der Überwachungsstaat kommt schleichend und kaum bemerkt. Wie fühlt es sich an überwacht zu werden? Diese Frage haben wir (Niki Scherak und Niko Alm) uns gestellt und ein kleines Experiment gestartet. Via Twitter-Account @NikolausWatch wurde unser Verhalten 24 Stunden lang flächendeckend publiziert. Unsere Kollegin @FanniMayer_ und Kollege @ulrichmayer haben uns einen Tag lang begleitet und dabei dokumentiert, was […]

Der Überwachungsstaat kommt schleichend und kaum bemerkt.

Wie fühlt es sich an überwacht zu werden?

Diese Frage haben wir (Niki Scherak und Niko Alm) uns gestellt und ein kleines Experiment gestartet. Via Twitter-Account @NikolausWatch wurde unser Verhalten 24 Stunden lang flächendeckend publiziert. Unsere Kollegin @FanniMayer_ und Kollege @ulrichmayer haben uns einen Tag lang begleitet und dabei dokumentiert, was sie beobachten konnten.

nikolauswatch

Zwischendurch veröffentlichten wir auch auszugsweise das Verfassen und Einlangen von E-Mails bzw. SMS und lieferten mitunter auch inhaltliche Einblicke. Prinzipiell wollten wir aber simulieren, was ohne Interpretation über uns in Erfahrung gebracht werden kann, wenn wir einfach beobachtet werden. Wir haben sozusagen die Verbindungsdaten unseres Tagesablaufes aufgenommen und wurden hie und da belauscht.

Mit welcher Konsequenz?

Ein Gefühl hat uns jedenfalls den ganzen Tag begleitet. Es war uns verdammt unangenehm. Wir waren nervös, unsicher und genervt. Zu wissen, dass andere Menschen, alles, was wir tun, mitverfolgen können, hat uns die ganzen 24 Stunden beschäftigt. Insbesondere die Frage, welche Schlüsse aus unserem Verhalten gezogen werden können und welche Zusammenhänge aus einzelnen Taten gebildet werden können.

Unsere lebenden Überwachungskameras und Richtmikrofone (Fanni und Ulrich) wurden desöfteren mit staunenden Blicken bedacht, nachdem sie eine Beobachtung wahrheitsgemäß getextet haben, wie z. B.

schnauftweet

Sich selbst über schnaufende Computerarbeiter aufregen und dann ist man (zumindest situationsbedingt) selbst einer?

Diese Erkenntnis ist wertvoll, aber ein persönlicher Hinweis wäre netter gewesen als ein Tweet. Aber auch bei ganz harmlosen Dingen kommt eine öffentliche Auseinandersetzung damit einer sehr unangenehmen Penetration der Privatsphäre gleich, die in vollem Bewusstsein darüber wohl vermieden würde.

Zu wissen (oder auch nur das Gefühl zu haben) beobachtet zu werden, führt zu einer sofortigen Zensur des eigenen Verhaltens. Viele Aktivitäten (oder auch Nicht-Aktivitäten) werden dann einfach nicht gesetzt. Die übliche Prokrastination zwischendurch wird auf ein Minimum reduziert. Die Auswahl des Mittag- und Abendessens wird noch einmal überdacht. Soll der Morgensport tatsächlich durchgeführt und auch publiziert werden? Wann gehe ich wo und insgesamt wie oft auf die Toilette? Darf ich rauchen? Wenn ja, wieviel und wo? Nehme ich öffentliche Verkehrsmittel? Trinke ich Bier? Trinke ich noch ein Bier?

Interessant – und das war natürlich vorher klar – ist, dass wir unser Verhalten nicht dahingehend angepasst haben, ob es legal oder illegal ist, sondern vielmehr danach ausgerichtet haben, wie es sozial wirkt.

Die massenhafte Überwachung hat nämlich v. a. den Effekt sozial erwünschtes Verhalten zu erzeugen. Und es sind auch die Hilfssheriffs der Political Correctness, die als erste einschreiten, wenn einzelne Handlungen nicht in der „erlaubten“ Bandbreite des ethischen Mainstreams liegen. Und diese Bandbreite wird leider immer enger.

Der Überwachungsstaat kommt schleichend und kaum bemerkt.

Es gibt ja kein singuläres „Überwachungsstaatgesetz“ mit einer konkreten Zielvorgabe und Maßnahmen auf dem Weg dorthin. Der Überwachungsstaat ist das Ergebnis vieler kleiner und so mancher großer Eingriffe in die Grundrechte und Privatsphäre der Bevölkerung: eine Befugniserweiterung im neuen Staatsschutzgesetz trägt dazu ebenso bei, wie die Einschau in Bankkonten ohne richterlichen Beschluss oder die Idee dem Finanzamt Fingerabdrücke zu liefern, dann noch Fluggastdatenspeicherung, biometrische Daten in Reisepässen, Vorratsdatenspeicherung, usw. usf. – Die Liste ist lang.

Wir werden uns dagegen wehren!

Die kompletten 24 Stunden sind auf Storify nachzulesen.

Der Standard hat auch berichtet.