Ethikunterricht

Ethikunterricht

vollständiges Kapitel aus „Ohne Bekenntnis“ S. 230 ff

Eine ganz besondere Rolle für die Integrationsleistung, aber mehr noch für eine gelebte weltanschauliche Neutralität, nimmt der Religionsunterricht in den Schulen ein. Durch die Unterrichtspflicht wird grundsätzlich jedes Kind im Bildungssystem erfasst; mit einem ebenso grundsätzlich verpflichtenden konfessionellen Religionsunterricht, wie das in Österreich der Fall ist, bekommt ein großer Teil der Kinder die einzige Form institutionalisierter, systematischer moralischer Erziehung im Religionsunterricht. Selbstverständlich tragen die eigene Familie, Gesellschaft und auch Lehrer in der Schule selbst dazu bei, Kindern die notwendigen Werkzeuge zur ethischen Selbstverortung und Navigation in der Welt zu geben. Aber die Schule hat in dieser Hinsicht eine besondere normative Autorität. Und wenn der Religionsunterricht hier eine Position einnimmt, in Wertefragen autoritativ zu wirken – und zwar im Sinne der eignen Werte –, dann ist das an sich schon ein Problem. Es widerspricht der staatlichen Selbstverpflichtung zur weltanschaulichen Neutralität, Schüler zu konfessionellem Religionsunterricht über Kooperationsvereinbarungen mit Religionsgemeinschaften zu verpflichten. Außerdem missachtet der Staat einmal mehr die institutionell und sachlich gebotene Nicht-Identifikation.

Die Werte des offiziellen Katholismus mögen noch so viele Überschneidungen und Kompatibilitäten mit den Grundlagen unserer Gesetze haben, die aktuelle Form des katholischen Religionsunterrichts mag in vielen Fällen ohnehin schon wie ein Ethikunterricht wirken, wesentlich ist aber nicht der äußerliche Gleichklang von Werten, wesentlich sind jene Bereiche, in denen Konflikte bestehen. Selbst wenn christliche Formen des konfessionellen Religionsunterrichts vermehrt einen Ethikunterricht vortäuschen, trifft diese Einschätzung auf den islamischen Religionsunterricht mit Sicherheit nicht zu.

Die im Stundenplan übliche Teilung des Klassenverbands in christliche und muslimische Formen des Religionsunterrichts wirkt desintegrierend. Dass es daneben auch noch im Schnitt ein Viertel konfessionsfreie Schüler gibt, die in der Zeit eine Freistunde oder irgendeine Form des Ersatzunterrichts haben, wird meistens dann in die Debatte eingeworfen, wenn der Ethikunterricht dafür herhalten muss, um diese Schüler aufzufangen. Doch genau die Funktion einer Beschäftigungstherapie wird diesem Fach überhaupt nicht gerecht. Ethikunterricht ist kein Ersatzunterricht für Schüler, die sonst gar keiner Wertediskussion ausgesetzt sind, sondern er ist die einzige Möglichkeit, dass Kinder in einem gemeinsamen Forum Werte als Aushandlungsprozess begreifen lernen. Gerade die Verschiedenheit des privaten Umfelds macht den Austausch und die Form dieses Austauschs so wichtig.

Stattdessen wird weiter die Isolierung in kleinen Echokammern praktiziert, mit der Konsequenz, die kollektive Unterschiedlichkeit der Kinder in einer Art und Weise zu betonen, die der Akzeptanz dieser Unterschiede im Weg steht.

Der Religionsunterricht ist der soziale Urschaum der identitären Filterblasen. Nach Michael Schmidt-Salomon entspricht er »eher dem kollektivistischen Denken einer geschlossenen als dem individualistischen Denken einer offenen Gesellschaft. Aus einer freiheitlichen, individuumszentrierten Perspektive ist die konfessionelle Aufspaltung der Schülerinnen und Schüler in unterschiedliche Bekenntnisunterrichte nicht zu akzeptieren.«[1]

In einem laizitären Staat ist verpflichtender konfessioneller Religionsunterricht an einer öffentlichen Schule nicht möglich, alleine weil die staatliche Indifferenz keine weltanschaulichen Wertungen vornimmt und ein selektives Hereinholen von bestimmten Religionen oder auch einer anderen Weltanschauung diese Neutralität untergraben würde. Es ist außerdem nicht die Aufgabe des Staates, in seinem Bildungssystem religiöse Lehren und Werte zu vermitteln. Gemäß dem Identifikationsverbot darf er auch keine Religion selbst repräsentieren. Durch die Ausbildung von Religionslehrern an staatlichen Universitäten und pädagogischen Hochschulen unterhält der Staat aber selbst die Produktion dieser Lehrkräfte und verletzt gemeinsam mit der praktischen Anwendung in den Religionsunterrichten das Identifikationsverbot sowohl in inhaltlicher als auch in institutioneller Hinsicht. Das Kreuz an der Wand markiert dann nur mehr die ganz besondere Auszeichnung des Christentums.

Macht man an dieser Stelle einen Vergleich mit politischen Ideologien, wäre ein konfessioneller Religionsunterricht gleichzusetzen mit einem Fach »politische Bildung«, das von Parteiakademien durchgeführt würde. Es gäbe dann sozialdemokratischen, grünen, liberalen, christlichsozialen oder nationalkonservativen Unterricht. Die Schüler würden dann je nach Präferenz der Eltern aufgeteilt. Das politische Bekenntnis müsste dann natürlich auch der Schulleitung bekanntgegeben werden und es würde am Jahresende auch auf den Zeugnisformularen einzusetzen sein, die beim ersten Bewerbungsgespräch auf dem Tisch liegen. Der letzte Punkt zeigt die Absurdität der religiösen Doppelmoral des Staates deutlich. Während es einem Arbeitgeber nicht gestattet ist, nach dem Religionsbekenntnis potenzieller Mitarbeiter zu selektieren oder überhaupt zu fragen, schafft der Staat die Grundlage für diesen Informationsfluss selbst, indem er die weltanschauliche Einordnung gleich einmal auf Abschlusszeugnisse druckt. Und nicht selten landet ein solches in einer Bewerbungsmappe für den ersten Arbeitsplatz. Das darauf notierte Religionsbekenntnis muss zum Zeitpunkt der Bewerbung gar nicht mehr gegeben sein, doch es steht als Zuschreibung schwarz auf weiß im Raum.

Das bedeutet nicht, dass Religion völlig aus den Schulen entfernt werden soll oder muss. Im Rahmen anderer Fächer, wie Kunst, Geschichte, Philosophie und natürlich einem verpflichtenden Ethikunterricht, findet Religion nach wie vor Platz. Es werden dort aber keine religiösen Lehren aus der Innensicht vermittelt. Die Missio canonica, also der Auftrag der Religionslehrer, den Unterricht gemäß der Lehre der katholischen Kirche zu erteilen, kommt nicht zur Anwendung. Analog gilt das auch für das Sendungsbewusstsein aller anderen Konfessionen.

Diskutiert werden sollen und müssen aber weltanschauliche, darunter auch religiöse Konzepte, Gebote und Werte, denn sie sind Realität in der Welt, in der Politik und im schulischen Alltag. Nur der Diskurs mit offenem Visier und auf Augenhöhe, mit dem möglichen Ergebnis, sich auf die Meinungsverschiedenheit zu verständigen, kann zu einer Toleranz abweichender Meinung führen, die sich nicht in Empörung oder Widerstand gegen Andersdenkende entlädt.

[1] Schmidt-Salomon, Michael: Die Grenzen der Toleranz. München 2016 (E-Book), Pos. 150

 

Religionsunterricht trennt

auszugsweise aus dem Kapitel aus „Ohne Bekenntnis“ S. 77 ff

Die Probleme, die Integration mit sich bringt, sind der Politik grosso modo bekannt, aber zufriedenstellende Lösungen sind kaum in Sicht. Das beginnt damit, dass Religionskultur auch dort toleriert wird, wo sie Gesetze verletzt und Ausnahmen geschaffen werden. Die Toleranz der Grenzüberschreitungen beginnt mit Kleinigkeiten.

Auch die Problematiken mit dem Religionsunterricht – und nicht nur mit dem islamischen – sind bekannt.

Gerade beim Religionsunterricht offenbart sich die Hilflosigkeit der Argumentation sehr deutlich. Man will den konfessionellen Religionsunterricht lieber kontrollieren und in der Schule belassen, damit er nicht in den Hinterhöfen stattfindet. Dieses Argument habe ich gefühlt schon 666 Mal gehört. Übersetzt bedeutet es, man weiß genau, dass der Religionsunterricht gefährlich sein kann. Er widerspricht dem humanistischen Bildungsideal, er ist unwissenschaftlich, kaum kontrollierbar und ein Einfallstor für religiöse und auch politische Propaganda. Aber abstellen will man ihn nicht. Die Angst vor dem Instrument der nicht-angreifbaren Religionsfreiheit geht so weit, dass der Religionsunterricht weiter unter der Kuratel der Religionsgemeinschaften in der Schule belassen wird.

Der Schaden, den der Religionsunterricht in Form religiöser Indoktrinierung anrichtet, ist ein Problem für sich, was aber übersehen wird, ist seine soziale Wirkung in der der Schulgemeinschaft. Die Kinder werden nach dem religiösen Bekenntnis der Eltern – selbst erreichen sie die Religionsmündigkeit erst mit 14 Jahren – in Gruppen separiert und lernen ab dem ersten Schuljahr, dass es keine für alle gleiche Wertebasis gibt, sondern eine exklusive Wahrheit. Kinder werden auf ein bestimmtes Glaubenssystem getrimmt, das sie mit der Überzeugung und dem Stolz eines Kindes, das etwas gelernt hat, auch in ihrer Umwelt verbreiten. […]

In einem Schulsystem, das jahrzehntelang durch eine weltanschauliche Monokultur des Christentums geprägt war, gab es naturgemäß wenige religiöse Reibungsflächen. Doch im Aufeinandertreffen verschiedener Wahrheiten verschiedener Religionskulturen brechen Konflikte auf, die es zuvor gar nicht geben hatte können. Die Berichte von Susanne Wiesinger, Philipp Möller, Kenan Güngör, Hamed Abdel-Samad[2] und vielen anderen bestätigen das. Aktuelle Zahlen verdeutlichen, dass eine von konservativer Politik herbeigesehnte katholische Leitkultur im Schulwesen auch gar nicht mehr den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung hätte. Die konfessionelle Zusammensetzung der Wiener Schulen 2017 ergibt in etwa diese Aufteilung: 34 % Christen, 28 % Muslime, 17% Konfessionsfreie und 21% andere.[3] Die Christen sind bereits in der Minderheit.

Für die negativen Schubladisierungseffekte des Religionsunterrichts gibt es längst eine naheliegende und einfache Lösung: einen verpflichtenden Ethikunterricht für alle Schüler ab dem ersten Schuljahr, in dem mit allen Kindern die gleichen Frage- stellungen des Zusammenlebens erörtert werden, ohne Vorgaben zu machen, wie sie leben sollen, was gut, böse, sündhaft, kosher oder haram ist, und ihnen zu vermitteln, dass Religionskulturen sich nicht nebeneinander in einem Setzkasten Gesellschaft anordnen, sondern alle Individuen und nicht religiöse Kollektive Gesellschaft ausmachen.

Doch dieses Konzept eines Ethikunterrichts wird in Österreich blockiert und im Stadium eines immerwährenden Schulversuchs zermürbt. »Politisch verschleppt – pädagogisch überfällig!«, lautet der Untertitel des Buches »Der Ethikunterricht in Österreich« von Anton Bucher. Der aus der Schweiz stammende Theologieprofessor und Erziehungswissenschaftler hatte den schon 1997 begonnen Schulversuch Ethikunterricht im Auftrag des Unterrichtsministeriums evaluiert und kam zu der klaren Empfehlung, den Ethikunterricht als Pflichtfach in den Regelunterricht aufzunehmen. Der politische Widerstand war enorm und von der katholischen Kirche in eine Richtung gesponnen: Wenn schon Ethikunterricht, dann nur als Ersatzfach für jene Schüler, die sich vom verpflichtenden katholischen Religionsunterricht abmelden, am besten für alle anderen auch gleich und überhaupt durchgeführt von Religionslehrern mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation. Die von Bucher gesammelten Zitate aus Politik und Kirche im Verlauf des mittlerweile über 20 Jahre dauernden Schulversuchs verdeutlichen die Feindseligkeit gegenüber dem Ethikunterricht. Die ehemalige ÖVP-Bildungssprecherin Getrude Brinek, die auch Assistenzprofessorin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien war, lieferte ein Musterbeispiel dafür ab, wie mit Religion Politik gemacht wird und bezeichnete den Ethikunterricht als eine »großteils verführerische und anti-aufklärerische Mischung aus Psycho-Fragmenten, schwammigen Ganzheitsansichten, Solidaritäts-Nötigungen, kognitionslosen Bekenntnissen, […] weder Unterricht noch Erziehung, sondern Ideologie in einem zeitgeistigen Gewande«[4]. Im Jahr 2000 erhielt sie das Große Goldene Ehrenzeichen für die Verdienste um die Republik Österreich.

[2] Vgl. Abdel-Samad, Hamed: Integration. München 2018, S. 162ff.
[3] APA / Stadtschulrat in https://derstandard.at/2000087058010/Schule-und-Islam-Zwischen-Parallelwelten-und-gelungener-Integration
[4] Bucher, Anton: Der Ethikunterricht in Österreich: Politisch verschleppt – pädagogisch überfällig! Innsbruck 2014, S. 25