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Polyhistorischer Nerd – Neal Stephenson

  Mein Interview mit Neal Stephenson findet sich in der aktuellen Ausgabe 092 von The Gap. Da er beim Interview aus gutem Grund eher müde und wortkarg war, hab ich mir die Mühe erspart eine wörtliche Transkription durchzuführen. Hier als pdf und im Volltext: Polyhistorischer Nerd Am Tag nach der US-Präsidentenwahl fiel dem übermüdeten Autor […]

 

Mein Interview mit Neal Stephenson findet sich in der aktuellen Ausgabe 092 von The Gap. Da er beim Interview aus gutem Grund eher müde und wortkarg war, hab ich mir die Mühe erspart eine wörtliche Transkription durchzuführen.

Hier als pdf und im Volltext:

Polyhistorischer Nerd

Am Tag nach der US-Präsidentenwahl fiel dem übermüdeten Autor das Sprechen hörbar schwer. Barack Obama ist wieder mindestens vier Jahre im Amt. Die deutsche Übersetzung von »Principia« dauerte genauso lang.

Neal Stephenson trägt mehr als nur ansatzweise den Keim des Polyhistor, des Universalgelehrten in sich. Derartige Gedanken weist er höflich aber hörbar geschmeichelt zurück: »Das wäre eine Anmaßung, wenn ich mich so bezeichnete. Ich interessiere mich eben für Vieles.« Das wiederum ist angesichts seines multithematischen, theoretischen Ansatzes einigermaßen tiefgestapelt. Als junger Autor setzte er 1993 mit »Snowcrash« einen Markstein ins Genre Science-Fiction, der mindestens mit William Gibsons »Neuromancer« und dessen Cyberspace gleichzusetzen ist. Die folgenden Romane spiegelten die Erweiterung seiner Interessensgebiete deutlich wieder, voller progressiver Ideen mit einem holistischen Verständnis dafür, wie Technologien und Gesellschaft interagieren. Die Science-Fiction eines Neal Stephenson hat mit fantastischem UFO- und Elfenquatsch nur das Regal im Buchladen gemeinsam. Die Handlungen der letzten Romane siedelte er zudem alle in der Gegenwart bzw. Vergangenheit mit historischen Rahmenbedingungen an und sie sind demnach eher als Speculative Fiction zu bezeichnen, die nicht zufällig auch mit SF abgekürzt wird.

Baroque Cycle
Stephenson bewegte sich immer weiter in die Vergangenheit und führte seine Romane konsequenterweise in eine Zeit, wo das Wissen über die Welt noch halbwegs in den Kopf eines Menschen passte: in die Epoche, die den letzten Polyhistoren folgte, die im Englischen nicht zufällig als Renaissance Men bezeichnet werden.
Der Barock-Zyklus Stephensons besteht aus den drei Bänden »Quicksilver«, »Confusion« und »Principia« und einer Vielzahl an Handlungssträngen, die alle irgendwie mit der Hauptfigur Jack Shaftoe, Geld, Gold und der Entwicklung der Wissenschaften verbunden sind. Über nahezu 3000 Seiten und mehrere Jahrzehnte erstreckt sich der Gesamtplot kreuz und quer über den Globus. Im letzten Band »Principia« (ebenso wie der Originaltitel »The System Of The World« aus Isaac Newtons »Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica« entlehnt und mangels sinnvoller Übersetzbarkeit für die deutsche Version so verwendet) kulminiert die Story schließlich in einem furiosen Finale auf wenigen Seiten kurz und bündig. Ein typisches Ende für einen Stephenson: »Manche sagen, dass ich kein Ende schreiben kann oder faul bin, aber das ist beabsichtigt.«
Noch kompakter fiel das Ende seines vorangegangenen Romans »Cryptonomicon« aus, wo Stephenson keine ganze Seite verschwendet, die Vorgeschichte zu einem Schlusspunkt einzudampfen, der sich ungefähr so anfühlt: Lieber Leser! Der auf gut tausend Seiten als komplexe Operation vorbereitete Showdown
verlief wie geplant, die Helden teilten das ganze Gold auf und alle losen Enden ihrer individuellen Geschichten verschlucke ich im nächsten Halbsatz, dass alle glücklich bis an ihr Ende lebten.

Für die treue Leserschaft verbindet Stephenson die Bücher dennoch untereinander auch genealogisch und schafft somit Kontinuität über seine Werke hinweg. Offensichtlich entstammen die Protagonisten aus »Cryptonomicon« (Waterhouse, Shaftoe, Hacklheber, etc.) dem Barock-Zyklus, da ähnlich gelagerte Charaktere zumindest dieselben Nachnamen tragen. Der unsterbliche Enoch Root nimmt überhaupt in beiden Büchern seine Rolle als Alchimist ein und nicht wenige vermuten, dass sich Stephenson damit selbst in sein Buch geschrieben hat, was er natürlich nicht verraten würde: »Das muss ich geheim halten.«

Das Handwerk eines Universalgelehrten
Charaktere schaffen kann Stephenson zweifelsohne. Einen großen Teil der Spannung verdanken »Principia« und die beiden ersten Bände der Neigung (als »Imp of the Perverse« bezeichnete Akrasia) Jack Shaftoes, etwas ganz anderes, oft Gegenteiliges, davon zu tun, was die Handlung üblicherweise erwarten lässt. Die Story bleibt damit definitiv unvorhersehbar, aber ohne zu absurd oder unlesbar zu werden. »Solche Charakterzüge entwickle ich beim Schreiben. Ich habe kein Schema, höchstens die Idee für eine Figur und wenn ich schreibe, sehe ich einfach, wie sich die Füllfeder über das Papier bewegt.« Sagte er Füllfeder? Stephenson schreibt seine Bücher tatsächlich mit der Hand, tippt und editiert die Manuskripte dann aber auch gleich selbst. Opulente Werke wie der Barock-Zyklus werfen natürlich die Frage auf, wie Handlungen, die über mehrere Jahrzehnte laufen und eine Unzahl von Personen benötigen, überschaubar bleiben? Aber Stephenson benützt keine visuellen Timelines oder sonstige Hilfsmittel: »Ich behalte alles im Kopf, weil alles andere zu mühsam wäre. Damit kann ich die Story auch schnell ändern.«
Er gesteht aber auch, dass es Inkonsistenzen in der Geschichte gibt, nicht zuletzt, weil er auch oft angesichts der Menge vergisst, was er geschrieben hat. Eine Quelle für Klugscheißer: »Das Fehler zu nennen, wäre zu hart, aber ich bekomme schon Hinweise von Lesern, die sehr höflich formulieren, dass ich hier und dort etwas falsch gemacht habe.«
Einen historischen Roman zu schreiben ist dennoch eine gute Immunisierungsstrategie in Bezug auf faktische Unkenntnis. Stephenson greift dabei auf vermutlich dieselben Sekundärquellen zurück wie oben zitierte Besserwisser, aber auch Primär-Recherche ist ihm nicht fremd: Im Vorfeld von »Cryptonomicon« verfasste Stephenson für Wired (1996) eine 50-seitige (!) Titelstory über die Verlegung des 28.000 Kilometer langen Untersee-Kabels FLAG (Fiberoptic Link Around the Globe) von England nach Japan. Seither schraubte er die Reisetätigkeit etwas zurück: »Für den Barock-Zyklus bin ich ein bisschen herumgereist, zu den leicht erreichbaren Orten. Das Bild des Jet-Set-Autors klingt gut, aber das bin ich nicht.« Ansonsten nutze er alte und neuere Reisetagebücher, die »eine zuverlässigere Quelle über die damalige Zeit und das Leben an diesen Orten sind, als selbst nach Indien zu reisen und im Hyatt Regency einzuchecken, um ein paar alte Tempel anzusehen.«

Anathem
Nicht nur in seinen Romanen, auch in seinen Nebenverpflichtungen als Autor muss Neal Stephenson Zeitsprünge absolvieren. Während er noch tourt und aus »Principia« liest, ist bereits sein neues Buch »Anathem« erschienen, das diesmal auf einem der Erde zwar sehr ähnlichen, aber anderen Planeten stattfindet, womit sich historische Querverweise erübrigen. Stephenson bedient sich dabei auch einer anhand einiger Wörter modifizierten Sprache (ähnlich »A Clockwork Orange«), was insofern eher sinnlos erscheint als die Menschen dort wohl nicht unsere Sprache sprechen. »Natürlich hätte ich alles ins Englische übersetzen können, aber ich wollte meine Leser mit einem neuen Konzept konfrontieren und auch Gewicht auf einzelne Begriffe legen.«
Das wird die Übersetzung jetzt auch nicht unbedingt einfacher machen. Wir werden ja sehen, ob Barack Obama noch im Amt ist, wenn die deutsche Ausgabe erscheint. An dem Tag nach der US-Präsidentenwahl kann die Bitte nach einer Prognose für die nahe Zukunft kaum ausbleiben, auch weil Neal Stephenson selbst schon zwei politische Romane (»Interface« und »Cobweb«) geschrieben hat. Er ist müde, aber hörbar begeistert. »Das ist wirklich ein spezieller Tag. Ich habe die ganze Nacht ferngesehen und bin um sechs Uhr früh ins Bett gegangen. Für mich war das sehr aufregend, fast schon unglaublich: Die USA haben einen schwarzen Präsidenten. Ich kann nur hoffen, dass die Erwartungen der Leute nicht zu hoch sind.«

Neal Stephensons »The System Of The World« wurde von Nikolaus
Stingl und Juliane Gräbener-Müller aus dem Amerikanischen übersetzt
und ist unter dem Titel »Principia« bei Random House erschienen.

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